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Benedikt XVI, Papst
London -Laut einer Einschätzung der US-Botschaft in Rom ist eines der Hauptprobleme des Vatikans die Kommunikationspolitik. Die Kardinäle seien "technophob und ignorant", nur wenige hätten eine Email-Adresse und ein einziger Papst-Berater verfüge über ein "Blackberry"-Smartphone, ist in einem vom "Guardian" veröffentlichten Dokument zu lesen.
In dem Bericht der Botschaft in Rom an das US-Außenministerium werden die Berater ("generell Männer über 70") des Papstes als "italozentrisch" beschrieben, in Benedikts Umfeld finde sich niemand, der moderne Kommunikations- und Medientechnologien verstehe. Außerdem umgebe sich der Papst mit Jasagern, so dass sich oft niemand finde, der ihm schlechte Nachrichten überbringt.
Außerdem habe die Kirche ein Kommunikationsproblem: öffentliche Erklärungen seien oft in "altmodischer, kodifizierter" Schreibweise abgefasst, die kaum jemand versteht. So soll sich der israelische Botschafter beklagt haben, dass er in einer Stellungnahme des Vatikans, die eine positive Nachricht für Israel enthalten sollte, diese nicht gefunden habe.
Auch die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson wurde als Beispiel für eine Kommunikationspanne angeführt. Selbst die Abteilung des Vatikans, die für die Beziehungen zu jüdischen Vertretern zuständig sei, habe von den Absichten des Papstes aus den Medien erfahren. Die Entscheidung, die Exkommunikation des konservativen Bischofes aufzuheben, hatte 2009 für Empörung in vielen Ländern gesorgt. Der Vatikan erklärte später, er habe nicht gewusst, dass Williamson das ganze Ausmaß des Holocausts geleugnet habe.
Papst gegen Türkei-Beitritt
Außerdem soll Joseph Ratzinger, damals einflussreicher Kardinal im Vatikan und seit 2005 Papst Benedikt XVI., jahrelang Politik gegen einen EU-Beitritt der Türkei gemacht haben. Die Zeitung beruft sich auf einschlägige diplomatische Geheimdokumente, die sie von der Aufdecker-Website Wikileaks erhalten habe.
So habe sich Ratzinger im Jahr 2004 als Präfekt der Glaubenskongregation dagegen ausgesprochen, dass ein muslimischer Staat der Europäischen Union beitrete. Offiziell verhielt sich der Vatikan in dieser Sache natürlich politisch neutral. Der Vatikan-Diplomat Monsignore Pietro Parolin, heute Nuntius in Venezuela, wertete Ratzingers Einstellung als "persönliche Aussagen", die nicht der offiziellen Position es Vatikan entsprechen würden.
"Schwächung für die christlichen Wurzeln in Europa"
Die US-Diplomaten gingen davon aus, dass Ratzinger mit seinen Kommentaren einen Beitrag zur damals geführten Debatte um die Aufnahme eines "christlichen Gottesbezuges" in die EU-Verfassung leisten wollte. Der "Guardian" zitiert aus den Dokumenten einen US-Diplomaten, demzufolge es "für Ratzinger klar ist, dass es eine weitere Schwächung für die christlichen Wurzeln in Europa bedeuten würde, wenn ein muslimisches Land in die EU aufgenommen würde".
2006, als Parolin für den nunmehrigen Papst arbeitete, wurden dessen Aussagen vorsichtiger. "Weder der Papst noch der Vatikan haben eine türkische EU-Mitgliedschaft per se unterstützt", zitiert der damalige US-Geschäftsträger den Vatikan-Diplomaten. "Der Heilige Stuhl war aber immer offen für einen Beitritt, mit der Betonung darauf, dass die Türkei die Kopenhagener Kriterien der EU erfüllen muss, um ihren Platz in Europa einnehmen zu können."
Eine große Sorge sei laut Parolin, dass die Türkei der EU beitreten könnte, ohne notwendige Fortschritte bei der Religionsfreiheit gemacht zu haben. Die EU und die USA sollten demnach in dieser Hinsicht auf Ankara weiter Druck ausüben. In der Türkei stehe man kurz vor der "offenen Verfolgung" der Christen, es könnte gar nicht mehr viel schlimmer für die Christen in dem Land werden, zitierte der US-Diplomat seinen vatikanischen Informanten.
Vatikan empört
Als "äußerst gravierend" hat der Vatikan die Veröffentlichung bezeichnet. Man wolle den Inhalt der Depeschen nicht kommentieren, war in einer am Samstag veröffentlichten Presseaussendung zu lesen. "Die Depeschen spiegeln lediglich die Meinung derjenigen wider, die sie verfasst haben", heißt es in der Pressesendung.
Die von Wikileaks veröffentlichten Dokumenten seien keineswegs Ausdruck der Position der Heiligen Stuhls. Auch die Aussagen der Vatikan-Vertreter, die in den Depeschen zitiert sind, seien ungenau, ihre Zuverlässigkeit sei bestreitbar, hieß es. (red/APA/Reuters)