Der Wolf hat seinen Schafspelz abgelegt. Kurz nach der Wahl zum serbischen Präsidenten zeigt sich Tomislav Nikolic wieder als der alte Nationalist und Geschichtsrevisionist. Indem er den Genozid an den Bosniaken leugnet, verharmlost er auch die Verantwortung der serbischen Nationalisten. Er nimmt indirekt Radovan Karadzic und Ratko Mladic in Schutz, wenn er sagt, dass das Verbrechen in Srebrenica von "einigen Angehörigen des serbischen Volkes" begangen worden sei, die es gelte "ausfindig zu machen". Denn Karadzic und Mladic stehen bereits vor Gericht. 2007 sagte Nikolic ganz offen, ihm solle bloß niemand erzählen, dass die beiden Verbrecher seien.

In Brüssel tut man nun wieder einmal so, als habe man sich verhört. Es fehlt an einer mutigen Stellungnahme, obwohl der neue serbische Präsident die Versöhnungspolitik mit Kroatien in Gefahr bringt und noch verantwortungsloser gegenüber den Bosniern ist. Schon vor der Wahl sagte er, dass Bosnien als Staat nicht funktioniere. Das stimmt auch - aber nur, weil dies aktiv verhindert wird: etwa durch die Boykottpolitik des Landesteils Republika Srpska (RS), in der der Genozid an den Muslimen stattfand.

In der heutigen RS ist Geschichtsrevisionismus Teil einer sezessionistischen Politik. 2003, als Nikolic noch der Wolf im Wolfspelz war, sagte er offen, er werde, wenn er Präsident werde, den Anschluss der RS ans Mutterland Serbien anstreben. Rhetorisch ist er auf dem Weg dorthin. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 4.6.2012)