"ÖVP hat bei Älteren Terrain gewonnen, das ihr die SPÖ kampflos überlassen hat"

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Sora-Wahlforscher Hofinger zur Vorarlberg-Wahl: Über den "massiven Einbruch" der FPÖ bei den Jungen und die Chancen für Türkis-Grün im Bund


Die Landtagswahl 2019 in Vorarlberg hat einen Sieg für die ÖVP und die Grünen und ein großes Minus für die FPÖ gebracht – siehe hier.

Christoph Hofinger, Wahlforscher von Sora, hat im Chat mit den Userinnen und Usern eingeordnet, wie es zu diesem Ergebnis kam und wie es – auch im Hinblick auf die Koalitionssuche auf Bundesebene – zu werten ist.

Bezüglich der Koalitionssuche im Bund findet Hofinger das Vorarlberger Wahlergebnis für Türkis-Grün "tendenziell förderlich, aber nur von begrenztem Einfluss", weil die landespolitische Ebene doch viele Unterschiede aufweise.

FPÖ verliert in Richtung Nichtwähler und ÖVP

Einen starken bundespolitischen Einfluss gab es jedenfalls bei der FPÖ. So wie bei der Nationalratswahl ist laut dem Wahlforscher ein erheblicher Teil der FPÖ-WahlerInnen abgewandert, mit den größten Strömen in die Nichtwahl (jede/r vierte Blau-Wähler/in von 2014) und zur ÖVP (fast jede/r fünfte). Die Muster seien hier sehr ähnlich wie vor zwei Wochen. Die FPÖ-Ergebnisse seien diesmal recht ähnlich bei Jüngeren und Älteren gewesen – was aber für die FPÖ heißt, dass sie bei den Jungen massiv eingebrochen ist. Bei Unter-30-Jährigen hatte sie 2014 noch eine satte Mehrheit von 37 Prozent, jetzt liegt sie in dieser Altersgruppe mit 16 Prozent an dritter Stelle hinter Grün und Schwarz, wie die Berechnung von SORA ergeben hat.

SPÖ hat ÖVP "kampflos" die Stimmen der Älteren überlassen

Die ÖVP konnte wieder von der FPÖ profitieren: Bei der Nationalratswahl sind 20 Prozent der FPÖ-Wähler zu Türkis gegangen, in Vorarlberg mit 18 Prozent nur etwas weniger. Türkis habe aber auf Bundesebene eine höhere Behaltequote mit 86 Prozent. Wieso die ÖVP im Vergleich zur SPÖ wieder stark punkten konnte, erklärt Hofinger so: Ganz generell habe die SPÖ in Österreich in den vergangenen zweieinhalb Jahren bei älteren Wählern abgebaut, auch jetzt in Vorarlberg nur neun Prozent in der Gruppe ab 60 Jahren erhalten. Die ÖVP unter Sebastian Kurz habe bei den Wahlberechtigten ab 60 viel Terrain gewonnen, das ihr "die SPÖ ziemlich kampflos überlassen hat".

Grüne am Ende der Fahnenstange angelangt?

Zur Frage, ob die Grünen ihr maximales Potenzial mit dem sehr guten Ergebnis in Vorarlberg nun ausgeschöpft hätten, meint Hofinger: "Wir leben in Zeiten mit einer Wählerdynamik, die für jeder Partei nach oben und nach unten sehr, sehr viel Spielraum eröffnet. Auf der einen Seite sind dann Abstürze wie der der Grünen 2017 grundsätzlich nicht auszuschließen. Umgekehrt: Wenn die hegemoniale Partei aus irgendeinem Grund in eine Krise kommt, können Grüne auch sehr nah an diese herankommen."

Um Erfolge nachhaltig abzusichern, müssten die Grünen jedoch über die Menschen mit formal höherer Bildung (Matura oder Studium) hinaus kommunizieren, also in Österreich vor allem auch Wahlberechtigte mit Lehre erreichen. In dieser Gruppe haben die Grünen in Vorarlberg immerhin einen vergleichsweise hohen Wert von neun Prozent erreicht, aber in anderen Bundesländern ist es bisweilen nur die Hälfte, bei der Nationalratswahl haben nur drei Prozent der Menschen mit Lehre Grün gewählt. Für Ergebnisse um oder über 20 Prozent bräuchte es demnach eine Strategie, um in diesem Segment der Bevölkerung zu punkten. (red, 14.10.2019)