Wien/Zürich - "Alles, was schief laufen kann, ist in dieser Nacht schief gelaufen", sagte der Sprecher der Schweizer Fluglotsen über die sicherheitstechnischen Zusammenhänge der Kollision über dem Bodenseegebiet. Gestern hieß es, dass wegen Wartungsarbeiten ein Sicherungssystem abgeschaltet war, zu spät gewarnt wurde, zudem habe ein Fluglotse eine Pause gemacht. Der Sprecher der deutschen Pilotenvereinigung "Cockpit", Georg Fongern, reagiert im Standard -Gespräch heftig: Die Schweizer Skyguide solle jetzt nicht versuchen, "alles schönzureden und abzuwiegeln". Es gehe ihm nicht um Schuldzu- weisungen. "Aber wenn ich immer nur 50 Sekunden Zeit zum Reagieren hätte, dann müsste ich meinen Job an den Nageln hängen. Vermutlich würde ich dann gar nicht mehr leben." Die Warnung war zu spät, "da ist schon vorher etwas schief gelaufen". Notfallsystem Zuversichtlich ist man bei der österreichischen Luftraumbehörde Austro Control, dass eine derartige Verkettung der Umstände hier nicht passieren würde. Generalsekretär Heinz Sommerbauer: "Es gibt bei uns eine unterbrechungsfreie Wartung des Überwachungssystems. Wir schalten auf ein Ersatzsystem um." Und ginge jemand in die Pause, nehme automatisch eine dritte Person Platz an den Überwachungsschirmen. Sommerbauer und der Flugsicherheitschef der AUA, Rudi Rausch, halten die Organisation des Flugverkehrs für "sehr, sehr sicher". Es gebe trotz der aktuellen Ereignisse "keine Anzeichen für einen Sicherheitsverlust". Damit im europäischen Luftraum möglichst nichts "schief läuft", sind so genannte Luftstraßen festgelegt. Das Geflecht von imaginären Korridoren in Höhen zwischen 2.600 und 12.000 Meter funktioniert ähnlich wie ein Autobahnnetz, überwacht von Bodenkontrollstationen, die ihre Daten jeweils an die nächste Station weiterreichen. Allein im österreichischen Luftraum gibt es pro Tag 2.600 bis 3.000 kontrollierte Flüge. In den vergangenen Jahren wurde der Korridorverkehr so dicht, dass zu Beginn dieses Jahres die Eurocontrol-Mitglieder den vorgeschriebenen vertikalen Mindestabstand verringerten, um neue Korridore einziehen zu können. Laut Eurocontrol hat sich das System gut eingespielt (siehe Interview rechts), dennoch, alles läuft bei den Fluglotsen nicht so "gerade", wie es die Eurocontrol-Manager gerne hätten. Denn der europäische Himmel ist durch nationale Zuständigkeiten stark gegliedert. Die EU-Kommission plant daher einen einheitlichen europäischen Luftraum unter gemeinsamer Verwaltung und ohne Grenzen ab 2004. Einige EU-Länder - besonders Frankreich, Portugal und Griechenland - sperren sich gegen einen einheitlichen Luftraum, da sie Souveränitätsverluste befürchten. Digitale Zukunft Diskutiert wird auch ein neues, vollelektronisches System namens "Datalink", mit dem der bisherige Sprechfunkkontakt großteils ersetzt werden soll. Allerdings "ist das noch Zukunftsmusik", glaubt AUA-Sicherheitschef Rausch. Es sei daran gedacht, den bisherigen persönlichen Kontakt zwischen Piloten und Bodenkontrolle über Flugpositionen zu digitalisieren und über Displays abzuwickeln. Es müsste dann von den Beteiligten nur mehr der Erhalt der Informationen von den Fluglotsen bestätigt werden. (Alexandra Föderl-Schmid, Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2002)