Prag - Die Parteichefin der liberalen tschechischen Partei Freiheitsunion-Demokratische Union (US-DEU), Hana Marvanova, hat unmittelbar nach Abschluss der Regierungsverhandlungen in Prag ihren Rücktritt erklärt. In einer Pressekonferenz begründete Marvanova ihre Entscheidung am Donnerstag mit dem Ergebnis dieser Verhandlungen: "Nach Ansicht der Freiheitsunion geht das Regierungsprogramm über das hinaus, was gegenüber unseren Wählern noch vertretbar ist." Marvanova (39) war eine der beiden Spitzenvertreterinnen des Bündnisses "Koalition", einem Zusammenschluss der christdemokratischen Volkspartei und ihrer Freiheitsunion. Die Freiheitsunion ihrerseits schloss sich in diesem Jahr mit der Demokratischen Union zusammen. Aus dem zu Jahresanfang noch überaus Erfolg versprechenden Bündnis wurde schließlich aber ein notdürftiger Parteienverbund, der mit knapp über 14 Prozent der Stimmen bei den Parlamentswahlen ein überaus enttäuschendes Ergebnis hinnehmen musste. Sozialdemokraten (CSSD) und "Koalition" einigten sich in der Nacht auf Donnerstag in Prag auf die Bildung einer gemeinsamen Regierung. Nach Ansicht von Marvanova konnte sich insbesondere in der Wirtschaftspolitik die Koalition nicht ausreichend in den Verhandlungen durchsetzen. "Eine Teilnahme an einer derartigen Regierung wäre eine Verleugnung des Großteils unseres Programms", sagte Marvanova. Dennoch unterstütze sie den Regierungseintritt ihrer Partei, da die vereinbarte Koalition die einzige "Europa-orientierte" Regierung sei. In einer ersten Reaktion bedauerten sowohl Spitzenvertreter als auch der Chef der Volkspartei, Cyril Svoboda, die Entscheidung Marvanovas. Die Parteiführung in der Freiheitsunion übernahm vorerst ihr Stellvertreter Ivan Pilip. Der ehemalige Finanzminister scheiterte im Juni bei den Parlamentswahlen. Er sprach sich umgehend für einen erfolgreichen Abschluss der letzten offenen Fragen in den Regierungsverhandlungen aus. Pilip betonte, dass er keinen Ministerposten anstrebe. Von Seiten der Sozialdemokraten gab es dagegen in den letzten Tagen starken Widerstand. In der künftigen tschechischen Regierung, die mit 101 der 200 Unterhaussitzen nur über eine hauchdünne Mehrheit verfügen wird, sollen zehn Ministersitze an die CSSD und fünf bis sechs an die "Koalition" gehen. Als sicher gilt, dass CSD-Chef Vladimir Spidla Ministerpräsident und Volksparteichef Svoboda Außenminister wird. Die letzten Personalfragen sollen bis Anfang kommender Woche geklärt werden. Präsident Vaclav Havel gab kürzlich zu erkennen, dass die Ernennung der neuen Regierung am 15. Juli erfolgen könnte. Bei der Parlamentswahl in Tschechien Mitte Juni waren die Sozialdemokraten trotz leichter Verluste stärkste Partei geblieben und haben im neuen Unterhaus 70 Abgeordnete. Die "Koalition" gewann 31 Mandate, allerdings zeigte sich schon in den Tagen nach der Wahl eine mögliche Spaltung zwischen Abgeordneten der Volkspartei und jenen der Freiheitsunion. Zwei Abgeordnete, die über die Liste der "Koalition" ins Parlament kamen, erklärten bereits öffentlich, sich keinesfalls einer Fraktionsdisziplin unterwerfen zu wollen. Das politische Schicksal der neuen Regierung ist auf Grund der äußerst knappen Mehrheitsverhältnisse daher unsicher. (APA/CTK)