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Foto:APA/dpa/Roland Witschel
Als die polnische Trompeterlegende die Bühne des Jazzclubs betritt, hat der Mann neben mir sich sein drittes Bier eingeschenkt und mir sein halbes Leben erzählt. Er hat als Schweißer gearbeitet. Und dieses Etablissement, das kennt er schon seit dreißig Jahren. Damals war es ein Oben-ohne-Kino. Sexfilme wurden gezeigt. Der Mann präzisiert: "Sexfilme. Nicht Pornofilme". Die Trompeterlegende, der Mann ist siebzig, presst Atemwut in sein Instrument. Die Hände sind mager, wie der Körper, ein feister Ring gibt den knochigen Fingern eine trotzige Note. Die Hosen schlottern an den Beinen, und als Schuhe trägt der alte Mann nostalgische Gamaschenstiefeletten. Der dürre Greis könnte aus einer anderen Zeit stammen. Nur das Weltmusikkäppi auf dem kahlen Schädel verrät ihn als heutig. "Klasse! Weltklasse!", brüllt der Mann neben mir in mein Ohr. Er trinkt sein viertes Bier. Der Bassist zupft mit geschwollener Halsschlagader an seinem Instrument und stampft heftig in einem Takt auf, den nur er selbst kennt. Dumdumdumdumdum. Der Pianist steigt ins Klavier, mit den Händen voran, den Kopf gesenkt, den Rücken rund gewölbt. Am rechten Bühnenrand rührt der Schlagzeuger mit den Jazzbesen um, wischt und wischt und streicht dann fiebrig über die Metallscheiben. Sein linker Fuß führt ein Eigenleben. Jetzt tritt der Trompeter in die Bühnenmitte und badet sein Gesicht im Scheinwerferlicht, die Augen geschlossen. Bass, Schlagzeug und Klavier schweigen, die Trompete schreit allein in den schwarzen Raum. Später gibt sie sich schmeichlerisch und jagt noch ein paar Schauer hinaus. Applaus. "Ich hab ja früher den Fendrich gern gehabt, und den Ambros," brüllt mein Tischnachbar jetzt, "aber das, das ist was anderes." Sein Blick geht nie zu den anderen Musikern. Sein Blick geht überhaupt nirgendwohin. Der Trompeter legt sich auf den langen Ton, den er jetzt bläst, und lässt sich davon irgendwohin tragen. (Clarissa Stadler/derStandard/rondo/5/7/02)