Wien - Das Wirtschaftswachstum in den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL) hat sich im ersten Quartal abgeschwächt und wird auch im Gesamtjahr 2002 niedriger ausfallen als im Jahr davor. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in ihrem jüngsten Konjunkturbericht. Grund für das geringere Wachstum sei vor allem die lahme Konjunktur in Westeuropa insbesondere in Deutschland - immerhin gehen 70 Prozent der Exporte der Reformstaaten in den EU-Raum - sowie die Aufwertung der jeweiligen Währungen. "Sorgenkind" bleibt Polen, wo die Wirtschaft laut WIIW heuer gar nicht und 2003 nur um 1 Prozent wachsen während die Arbeitslosigkeit auf knapp 20 Prozent steigen wird. "Das Szenario des Aufholprozesses bleibt trotz der Wachstumsverlangsamung realistisch, es wird aber noch lange dauern, bis die mittel- und osteuropäischen Reformländer das durchschnittliche Einkommensniveau der EU-Staaten erreichen werden", sagte WIIW-Chef Peter Havlik am Donnerstag vor Journalisten. Slowenien etwa werde 2010 rund 84 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf der EU erreichen, Tschechien 72 Prozent. MOEL-Länder rechnen mit 1,6 Prozent-Wachstum Für das Gesamtjahr 2002 rechnen die Experten in den 5 zentralen MOEL-Ländern Tschechien, Ungarn, Polen, Slowakei und Slowenien im Durchschnitt mit einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent, für 2003 - eine Erholung der Konjunktur in Europa und vor allem Deutschland vorausgesetzt - mit 3 Prozent. Die beiden Balkan-Staaten Bulgarien und Rumänien dazu gerechnet liegt die Prognose für 2002 auf 1,9 Prozent, für das nächste Jahr auf 2,8 Prozent. Die Währungsaufwertung könnte in einigen Reformländern durch höhere Produktivität und Qualitätsverbesserungen wettgemacht werden. Das große Problem der EU-Beitrittskandidatenländern bleibt die Arbeitslosigkeit. Im Schnitt wird sie 2002 und auch nächstes Jahr bei 15 Prozent liegen, so Havlik. Vor allem in Polen sei die Lage "dramatisch": Dort wird mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 19 Prozent gerechnet. Auch ein rascher EU-Beitritt würde daran kurzfristig nichts ändern, betonte Havlik. Polens Probleme "hausgemacht" Die Gründe für die katastrophale Situation in Polen - im ersten Quartal war die Industrieproduktion sogar rückläufig - sind nach Ansicht des Polen-Experten Leon Podkaminer hausgemacht. Kurzfristig sei auch keine Besserung in Sicht: "Auch wenn morgen der Finanzminister die Politik komplett verändert, würde es einige Quartale dauern, bis sich in Polen etwas ändert", so Podkaminer. Den "Big Bang" - den Beitritt von 10 Ländern - hält das WIIW für 2004 bzw. 2005 zwar für "am wahrscheinlichsten", erstaunlich sei jedoch, dass es Tendenzen für ein Aufschnüren dieses Beitrittsszenarios gebe, sagte Experte Michael Landesmann am Donnerstag. Instituts-Fachmann Sandor Richter schätzt die Wahrscheinlichkeit für einen Beitritt aller zehn Länder 2004 auf "40 Prozent, 2005 ebenfalls auf 40 Prozent, alles andere auf 20 Prozent". (APA)