Wien - Joe Zawinul hörte vor einiger Zeit seinen "Bruder" Wayne Shorter samt einer Band, in der drei Keyboarder elektronische Soundarbeit verrichteten. Nach kurzer Zeit ging Zawinul einen heben. Doch als er zurückkam, habe es nicht weniger fad geklungen. Nach dem Konzert fragte ihn Wayne, was er denn ändern solle, worauf Joe meinte: "Hau sie alle raus!" Die Musiker nämlich, die sich, so Zawinul, dann auf Arbeitssuche begeben durften. Wenn das alles so stimmt, und wir glauben Zawinul, dann haben wir ihm zu danken. Zwar ist er, was seine Musik anbelangt, nicht mehr so geschmackssicher (seine Syndikate -Band klingt seit Jahren - und zuletzt im Arkadenhof des Rathauses - wie eine tolle Rhythmusgruppe, die auf einen Solisten wartet, der jedoch nie kommt). Aber bei Wayne lag er insofern richtig, als er erkannte, dass Shorter, dieser fragile Genius der jazzigen Abstraktion, zu seinem akustischen Bandkonzept zurückkommen sollte. Band im Sinne eines traumwandlerisch sicher reagierenden, eingespielten Kollektivs ist auch der richtige Begriff für das aktuelle Shorter-Quartett. Da spielt jeder solo, da spielt keiner solo. In der Staatsoper steht man vor einem offenen Improvisationskunstwerk, in dem die Trennung zwischen Solist und Begleiter nicht mehr existiert und das jeglichen Klischeeballast abgeworfen hat. Die Grundtime wird gedacht, nicht ausgespielt. Sie läuft in den Köpfen der Musiker ab, die sich auf ein polyrhythmisches und polytonales Spiel mit Komplexität einlassen, dessen formale Stimmigkeit sich aus dem Augenblick ergibt. Shorter ist dabei mit seinen kurzen, prägnanten Phrasen, die sich nur selten zu jenem samtigen Belcanto, zu dem der Saxofonist befähigt ist, formen, gleichsam ein teilnehmender Dirigent. Auch innerhalb konventionellerer Konzepte kann Komplexität eine Rolle spielen - man höre nur die Klavierspielereien von Herbie Hancock, die er mit Roy Hargrove (tr) und Michael Brecker (tsax) bei ihrer Miles-Davis-John-Coltrane-Würdigung auskostete. Dieses gediegene Trio (plus Bass und Schlagzeug) klingt dennoch etwas glatter und weniger zwingend als Shorter (der im März 2003 im Konzerthaus gastieren wird). Hübsche Idee, dennoch. Wie da So What von Davis (vom Bass leicht variiert serviert) und Impressions von Coltrane (von Bläsern langsam interpretiert) zu einem neuen Stück verschmolzen wurden - Hut ab. Rührend auch, wie Brecker in seiner Soloimprovisation zu Coltranes Naima über die Totalbeherrschung des Instruments zu einer Gestaltungskraft fand, die mit wahnwitzigen Arpeggi hymnische Ausdrucksebenen erklomm. Hätte man dem Jazzrockritter nicht zugetraut. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2002)