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Eines wenigstens lässt sich an dem Gezerre um den Homosexuellen-Paragrafen, genauer um seine Aufhebung durch den Verfassungsgerichtshof und die nun anstehende Wiederkehr unter dem Tarnmäntelchen des Jugendschutzes, sehr schön erkennen: Die Praxis der Justizpolitik dieser Regierung ist weniger von der Bereitschaft geprägt, gesellschaftspolitischen Entwicklungen einen adäquaten Rahmen zu schaffen, als vom Bestreben, diese in eine eindeutige weltanschauliche Richtung zu lenken. Am Beispiel des seit Jahren umstrittenen Paragrafen 209 zeigt sich, dass sich diesmal die ÖVP durchgesetzt hat, die mit ihrem Familienkonzept ein Prunkstück des konservativen Wertekataloges zusätzlich befestigen will. Dabei geht es nicht so sehr um verschärfte Schutzbestimmungen für Jugendliche beiderlei Geschlechts - wobei man einwenden könnte, dass diese mit den bisherigen Gesetzen ausreichend gewährleistet wären -, sondern um einen heiklen Eingriff in das diffizile Kräfteverhältnis innerhalb der Familien. Die Möglichkeit für Eltern, gegen einen Partner ihres Kindes strafrechtlich vorzugehen, wertet zwar ihre faktische Autorität auf, dürfte einem harmonischen Klima in der Familie aber kaum zuträglich sein. Die FPÖ hat dem Koalitionspartner nach liberalem Beginn und der Entschärfung einiger repressiver Vorschläge kommentarlos das Feld überlassen. Vermutlich war ihr die Angelegenheit nicht wichtig genug, um einen Streit zu riskieren, und außerdem agierte die ÖVP ja nicht anders als die FPÖ in Justizfragen, die ihr wichtig erschienen - Beispiel Jugendgerichtshof. Beides zusammengesehen läuft auf eine Deliberalisierung sensibelster Gesellschaftsbereiche hinaus, und in diesem Ziel dürften sich ÖVP und FPÖ ja wieder einig sein. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 5.7.2002)