Auch nach der Ernennung des engen Berlusconi-Vertrauten Giuseppe Pisanu zum Innenminister gehen die Polemiken in Italiens Regierung weiter. Der Abgang des bisherigen Amtsinhabers Claudio Scajola war nach dessen ungebührlichen Äußerungen über den von den Roten Brigaden ermordeten Regierungsberater Marco Biagi unumgänglich gewesen. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi hatte aber zunächst eine von Berlusconi angepeilte Interimslösung im Innenressort aber abgelehnt; dabei hatte vor allem Alleanza Nazionale darauf gedrängt, das wichtige Ministerium zumindest interimistisch mit Vizepremier Gianfranco Fini zu besetzen.Berlusconi scheint derzeit so geschwächt, dass sich schon einen Tag nach dem Wechsel im Innenressort dessen Parteifreund und Minister für die öffentliche Verwaltung, Franco Frattini, zu Wort meldete und erklärte, noch vor Ende Juli werde er Interimsaußenminister Berlusconi im Außenministerium beerben. Die Reaktion der christdemokratischen Koalitionspartner folgte umgehend: Auch sie erhoben Anspruch auf das Außenamt und forderten weitere Änderungen im Kabinett, schließlich waren in den letzten Monaten auch drei Staatssekretäre ihres Postens enthoben worden. Mit Pisanu indes trat ein Moderater das Amt des Innenministers an. Der 65-jährige Sarde ist ein alter Fuchs der italienischen Innenpolitik: Seit 1972 sitzt er im Parlament, bis 1992 war er Spitzenfunktionär der Democrazia Cristiana, in vier Regierungen war er Staatssekretär, unter anderem unter den großen Alten der DC, Amintore Fanfani und Arnaldo Forlani. Nach dem Untergang der DC wechselte Pisanu rasch zu Forza Italia; für Silvio Berlusconi, den politischen Quereinsteiger aus Mailand, wurde der erfahrene Pisanu zu einem der wichtigsten Männer, im Unterschied zu seinem Chef kannte er das römische Parkett in- und auswendig.(DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2002)