Der Sonderweg der Schweiz scheint in eine Sackgasse zu führen. Bei den Nachbarn drängt sich der Eindruck auf, die Eidgenossen seien allzu egoistisch. Der Anschein der Rosinenpickerei bei der europäischen Einigung und ein gewisser Autismus der deutschsprachigen Kantone prägen das politische Image des Landes im geografischen Herzen Europas.Bisher haben die Anrainer das vielleicht noch mit einer gewissen Milde betrachtet, weil sie die Schweiz in ihrem tiefsten Inneren immer bewundert haben. Das späte Ja der Schweizer Bürger zum UNO-Beitritt im April ließ nach jahrzehntelanger Verweigerung zudem Hoffnung keimen, dass sich das Land nun der Welt und vielleicht auch zur EU hin öffnet. Schwarzes Jahr Doch die Bewunderung hat ihre Dämpfer bekommen im schwarzen Jahr 2001. Ging der Brand im Gotthardtunnel vielleicht noch als Unglück durch und der Amoklauf im Kantonsparlament von Zug als Untat eines Einzelnen, so erlitt das Image der Schweiz als Wirtschaftsstandort durch die Swissair-Pleite einen gewaltigen Kratzer. Der Tiefpunkt ist nun durch das Flugzeugunglück am Bodensee erreicht: Das mutmaßliche Versagen von Mensch und Maschine bei der Flugsicherungsgesellschaft Sky- guide erschüttert das Vertrauen in die fast sprichwörtliche Präzision der Schweiz: pflichtvergessene Fluglotsen und Radargeräte, die nicht auf dem europäischen Stand der Technik sind - das hätte keiner erwartet. Ein schwacher Trost, dass das Land beim künftigen einheitlichen EU-Luftraum "Single European Sky" voll integriert sein wird. Irritierte Nachbarn Bisher waren die Nachbarn der Schweiz eher durch verkehrspolitische und weniger durch verkehrstechnische Hindernisse irritiert worden. Für die strengen Schweizer Sonderregeln im Alpentransit wird man - vor allem in Österreich - aus ökologischen Gründen Verständnis haben. Doch beim Flugverkehr zeigte die Berner Bundesversammlung vor zwei Wochen einen Egoismus, der zumindest die Deutschen zutiefst verärgerte. Das Parlament verweigerte sich einem neuen Staatsvertrag, der die Lärmbelastung im südlichen Baden-Württemberg verringert hätte. Der Grund: Die Anwohner Zürichs wollten nicht unter zusätzlichen Anflügen auf den größten Flughafen ihres Landes leiden. Die deutschen Nachbarn ein wenig - nachts und am Wochenende - von den negativen Seiten des wirtschaftlichen Erfolgs des Airports zu entlasten, hätte von den Parlamentariern offenbar zu viel an Solidarität verlangt. Beharren auf Bestehendem Solidarität üben will die Schweiz auch nicht bei der Jagd der EU-Nachbarländer auf Steuerhinterzieher. Stattdessen beharrt sie darauf, ihr traditionelles Bankkundengeheimnis beizubehalten. Wenn auch manche EU-Staaten - wie Großbritannien - selbst aus egoistischen Motiven Berns Alternativangebot einer Quellensteuer ablehnen: Dem Eindruck, aus Gewinnstreben der sichere Hafen für Europas Steuersünder bleiben zu wollen, kann sich die Schweiz nicht entziehen. Ob das dem Image des eidgenössischen Geldgewerbes langfristig nützt, ist fraglich. Hinzu kommt, dass auch der Glanz am Schweizer Nationalsymbol Banken bröckelt. Die Großbanken UBS und Credit Suisse stehen international nicht mehr als strahlende Geldtempel da. Vor allem die CS mit ihren Verlustaussichten, den Rücktritten in der Unternehmensführung von Mittwochabend und den Gerüchten über eine Fusion mit der Deutschen Bank eignet sich derzeit kaum als Flaggschiff der Eidgenossenschaft. Die Kooperation, die die Schweiz der EU beim Bankgeheimnis verweigert, damit viel Geld hereinkommt, wünscht sie sich von den anderen Europäern aber, wenn es darum geht, Einwanderer und Asylbewerber draußen zu halten. So wird nun über einen Beitritt zu Schengen und zum Dubliner Abkommen über die Zuständigkeit in Asylverfahren verhandelt. So traurig es ist: Vielleicht erinnert aber das Unglück vom Bodensee nun auch den letzen Schweizer daran, dass er nicht auf einer Insel lebt. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 5.7.2002)