Zürich/Moskau/Überlingen - Der Pilot der Tupolew, die Montagnacht über dem Bodenseegebiet mit einer Fracht-maschine zusammenkrachte, habe eineinhalb Minuten davor die Schweizer Fluglotsen vor einer drohenden Kollison gewarnt. Dies behaupte ein russischer Experte der Untersuchungskommission, meldete am Donnerstag eine russische Nachrichtenagenur.Die damit konfrontierte Schweizer Flugüberwachung Skyguide kommentierte das nicht. Sie hatte bisher erklärt, ihr Fluglotse habe den Tupolew-Piloten 50 Sekunden vor der Katastrophe gewarnt und keine Reaktion erhalten. Laut Ermittler geschah dies erst 44 Sekunden vor dem Crash. Zudem hat ein Fachbericht schon Mitte Juni festgestellt, dass das Radarsystem von Skyguide in "schwerwiegenden Details" nicht den europäischen Standards entspreche, was zu gefährlichen Situationen führen könne. Die Schweizer Staatsanwaltschaft leitete eine "Strafuntersuchung" gegen Skyguide ein. Experten nahmen die Katastrophe zum Anlass, verstärkt eine gesamteuropäische Flugüberwachung zu fordern. Einzelheiten werden immer undurchsichtiger Immer dramatischer und vorerst undurchsichtiger werden die Einzelheiten zum Flugzeugzusammenstoß über dem Bodenseegebiet, durch den Montagnacht 71 Menschen getötet worden sind. Am Donnerstag meldete eine russische Nachrichtenagentur, die sich dabei auf einen nicht genannten Experten der Untersuchungskommission berief, der Pilot der Tupolew habe seinerseits als Erster vor der Kollision gewarnt. Eineinhalb Mi- nuten vor der Katastrophe habe er die Schweizer Skyguide- Fluglotsen per Funk über die Gefahr informiert. Die Sky- guide-Verantwortlichen haben dagegen behauptet, der Lotse habe 50 Sekunden vor dem Unglück den Tupolew-Piloten gewarnt und keine Reaktion erhalten. Dem zitierten russischen Experten zufolge hatte aber der Antikollisionsradar der Tupolew die Piloten vor der nahenden Fracht-Boeing gewarnt. Die Skyguide-Führung sprach bisher davon, dass die Tupolew ihr Kollisionswarnsystem gar nicht in Betrieb gehabt habe. Die Meldung über diese Vorgänge aus der Sicht der Russen ließ Skyguide vorerst unkommentiert. Der verantwortliche Lotse stand am Donnerstag noch unter Schock, die Befragung des Mannes durch die Ermittler stand deshalb noch aus. Untersuchungsbericht Ebenfalls erst am Donnerstag wurde ein weiteres Detail bekannt. Demnach hat das Schweizer Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) schon in einem Bericht vom 26. Juni festgestellt, dass die Radarsysteme von Skyguide in "schwerwiegenden Details" nicht den europäischen Standards entsprechen. Dadurch könnten verzögerte Wahrnehmungen entstehen und sogar Flugzeuge am Kontrollschirm unsichtbar bleiben. Das Skyguide-Management wies den Vorwurf zurück, diese Mängel könnten etwas mit der Katastrophe zu tun haben. Rudolf Rausch, Pilot und Chef der AUA-Flugsicherheit, sagte dazu generell, er wisse nichts von Problemen mit dem Schweizer Radarsystem. "Ich bekomme immer Berichte von unseren Piloten, nach jedem Flug. Negatives von der Schweiz habe ich noch nie gehört." Um die "genauen Abläufe und Handlungen bei der Leitung der beiden Flugzeuge durch die Schweizer Flugüberwachung Skyguide zu klären", hat die Schweizer Staatsanwaltschaft eine "Strafuntersuchung wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung und Störung des öffentlichen Verkehrs" eingeleitet. (APA, dpa, red, DER STANDARD, Printausgabe 5.7.2002)