Berlin/Wien - Die so genannte Pille für den Mann rückt nun tatsächlich in greifbare Nähe. "Wenn alles gut geht, können wir in fünf bis sechs Jahren in die Zulassungsphase gehen", hofft Albert Radlmaier, der für das Pharmaunternehmen Schering in Berlin die neue Verhütungsmethode, bei der die Spermienproduktion gehemmt wird, erforscht und entwickelt. Und für Frauen könnte im nächsten Jahrzehnt vielleicht schon ein Serum auf den Markt kommen, das gegen Spermien immun macht. War nach der Entwicklung der Pille für die Frau in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts (siehe Artikel unten) Verhütung zunächst primär Frauensache, scheint sich hier ein Wandel abzuzeichnen. Heute bestehe laut Radlmaier nicht nur seitens der Frauen, sondern "vor allem auch seitens der Männer ein immer größer werdendes Interesse an einer ähnlichen hormonellen Verhütungsmethode für Männer". Laut dem deutschen Mediziner wird die erste Pille für den Mann jedoch keine Pille, also auch nicht zu schlucken sein. Während mit der Pille für die Frau die Heranreifung einer einzigen Eizelle im Monat blockiert wird, muss beim Mann eine Tagesproduktion von 40 bis 120 Millionen Spermien gehemmt werden. Durch die alleinige Verabreichung des männlichen Sexualhormons Testosteron - worauf sich bisherige Studien konzentrierten - kann zwar die Spermienbildung unterdrückt werden. Es werden jedoch relativ hohe Dosierungen benötigt. Weitere Schwierigkeit: Testosteron kann nicht oral eingenommen werden, für diese Art der Verhütung wäre wöchentlich eine Spritze nötig - intramuskulär. "Das macht aber keiner mit", ist sich Radlmaier bewusst. Verlorene Libido Die Berliner Forschungsgruppe, die eng mit der Pharmafirma Organon zusammenarbeitet, will diese Probleme gelöst haben. "Wir kombinieren Testosteron mit Gestagen", verrät der Mediziner. Das synthetische Hormon Gestagen allein kann Spermienbildung und auch die Produktion des Androgens Testosteron im Hoden hemmen. Das Androgen ist gleichzeitig aber auch für Libido und Potenz verantwortlich. Die Crux bei einer alleinigen Gestagengabe: Gerät die Dosierung auch nur einen Hauch daneben, hat der Mann schon deshalb einen 100-prozentigen Verhütungsschutz, weil er entweder nicht mehr will oder nicht mehr kann. Durch die Kombination von Testosteron mit Gestagen entfällt dieser Nachteil. Dadurch werde laut Radlmaier die Spermienproduktion ausgeschaltet und gleichzeitig Libido und Potenz aufrechterhalten. Bisherige Versuche seien äußerst erfolgreich verlaufen. "Bis zu 90 Prozent der getesteten Männer hatten nach drei Monaten keine Spermien mehr im Ejakulat." Und die anderen? Bei diesen sei die Anzahl der Spermien teilweise derart gering gewesen, dass auch sie vermutlich zeugungsunfähig gewesen seien. Es bestehe jedenfalls "große Hoffnung", diese Art der Pille für den Mann als erstes Präparat bald auf den Markt zu bringen. Die Anwendung erfolge durch vierteljährliches Spritzen von Testosteron. Gestagen werde - ähnlich dem Hormonstäbchen für Frauen, das implantiert wird - einmal im Jahr unter die Haut gelegt. Pflaster und Ring Auch für Frauen tut sich in Sachen Verhütung einiges in den Labors. Neben den bereits am Markt befindlichen hormonellen Kontrazeptiva wie Pillen, Hormonstäbchen und Hormonspirale befindet sich derzeit ein Hormonpflaster in der klinischen Testphase, das bereis kommendes Jahr auf den Markt kommen könnte. Dieses, auf die Haut des Oberarms, Bauchs, Innenschenkel oder Gesäßes aufgeklebt, soll dann einige Wochen wirken. Bereits im "kommenden Herbst" verspricht Astrid Strohmeyer von Organon in Wien, "kommt ein Vaginalring auf den Markt": Einmal pro Monat in die Scheide eingeführt, setzt er dort empfängnisverhütende Hormone frei. Generell jedoch, erklärt der bei Schering zuständige Entwicklungsleiter Rolf Schürmann, "sind orale Kontrazeptiva für Frauen in ihrer verhütenden Wirkung und Sicherheit schon so gut wie perfekt, da ist nur noch ganz wenig zu verbessern". Die Dosen der verwendeten Hormone seien in den vergangenen Jahrzehnten derart reduziert worden, dass eine weitere Absenkung kaum noch möglich erscheine. So setze die Forschung in diesem Bereich auf die Entwicklung von Pillen mit erwünschten Nebenwirkungen. Solche "Zusatznutzen" seien laut Schürmann Wirksamkeiten gegen Akne oder Prämenstruelles Syndrom (PMS). Immun gegen Spermien Interessant seien aber die Forschungen für ein mögliches Serum, das gegen Spermien immunisieren soll. Bei bestimmten Formen der Unfruchtbarkeit wurden nämlich bei Frauen im Blut und anderen Flüssigkeiten Antikörper gegen Spermien gefunden. Daher sei es denkbar, dass man, wie etwa bei einer Impfung gegen Grippe, Frauen mit Spermienproteinen aktiv immunisiert. Die gebildeten Antikörper könnten sich dann an die Oberfläche der Spermien, die vom Immunsystem als Eindringlinge erkannt werden, binden und auf diese Weise eine Befruchtung der Eizelle verhindern, erklärt Schürmann. "Aber das werden wir sicher nicht mehr in diesem Jahrzehnt schaffen." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe 06./07.07.2002)