Der modernen Kontrazeption gingen jahrhundertelang magische Versuche der Empfängnisverhütung voraus. Dioskurides etwa riet, beide Partner sollten sich mit Menstruationsblut einreiben. Aetius von Amida verschrieb Frauen, sich Katerhoden um den Nabel zu binden. Und Bischof Albertus Magnus empfahl Frauen, sich Finger und Anus eines toten Fetus um den Hals zu hängen. Mit zunehmender Kenntnis über den Körper wurden andere Methoden bevorzugt. 1564 empfahl der italienische Anatom Gabriele Falloppio den Männern, sich ein in Kräuteröl getauchtes Leinensäckchen über das Glied zu stülpen und sich so gegen Syphilis zu schützen. 1760 berichtete Giacomo Casanova über seine Erfahrungen mit Kondomen aus Hammeldärmen. Das ersten Gummipräservativ brachte 1855 die Firma Goodyear auf den Markt. Das erste Kondom aus Latex wurde 1930 entwickelt. Heute ist das Kondom die einzige Verhütungsmethode, die auch gegen Geschlechtskrankheiten wie Aids schützt. Casanova soll Frauen im 18. Jahrhundert angeblich auch die Schale einer ausgepressten Zitrone vor den Muttermund gelegt haben - die Geburtsstunde des Diaphragmas. Der Siegeszug der hormonellen Empfängnisverhütung begann schließlich an einem trüben Wintertag Anfang 1951. Angeführt wurde dieser jedoch nicht vom Wiener Biochemiker Carl Djerassi, der vor den Nazis in die USA geflüchtet war und später als "Vater der Pille" bekannt wurde. Das Mittel, das heute von mehr als 70 Millionen Frauen weltweit geschluckt wird, hat nämlich zwei "Mütter". So einfach wie Aspirin Nach dem Dinner, zu dem Katharine McCormick in ihr New Yorker Apartment geladen hatte, hielt die Milliardenerbin dem Biologen Gregory Pincus einen Scheck unter die Nase. Die Krankenschwester Margaret Sanger, die als Sozialarbeiterin ehrenamtlich in der Bronx arbeitete, hatte dem Wissenschafter zuvor einen revolutionierenden Forschungsauftrag angeboten: ein Verhütungsmittel zu finden, das "so einfach zu schlucken ist wie ein Aspirin". Ziel der beiden Frauenrechtlerinnen: von Männern sexuell ausgebeuteten Amerikanerinnen zumindest in Bezug auf ihre Nachkommen mehr Selbstbestimmungsrechte zu geben und die Zahl der damals meist illegalen und daher oft tödlich verlaufenden Abtreibungen zu senken. Aufgrund der 1927 gewonnenen Erkenntnisse des Tiroler Chemikers Ulrich Haberlandt über weibliche Geschlechtshormone gelang Pincus bereits am 15. Oktober 1951 die Entdeckung: ein synthetischer Wirkstoff, der im Tierversuch den Eisprung und damit die Empfängnis verhinderte. Am selben Tag kam schließlich Djerassi ins Spiel. Ihm gelang es, aus mexikanischen Yucca-Wurzeln Progesteron zu produzieren. Dies ließ den Substanzpreis von 80 auf zwei Dollar sinken, das Tor zur großtechnischen Produktion der Pille war offen. Am 11. Mai 1960 wurde die Pille in den USA als Verhütungsmittel zugelassen, andere Staaten folgten rasch. Rasanter Fortschritt Basierend auf der Wirkungsweise der Pille - keine Eireifung, keine Einnistung in die Gebärmutter und Verdickung des Gebärmutterhalsschleims als Spermablockade - wurden bis heute etliche weitere hormonelle Methoden für Frauen entwickelt, die vor allem zwei Ziele hatten: die Dosierung bei gleich bleibender Wirkung zu senken und das tägliche Pillenschlucken zu beenden. Dazu gehört etwa die Hormonspirale: In die Gebärmutter eingesetzt, wirkt sie bis zu fünf Jahre lang. Einer von Organon in Auftrag gegebenen aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts Fessel&GFK zufolge wird sie von fünf Prozent der Österreicherinnen benützt. Das Hormonstäbchen - unter die Haut des Oberarmes eingesetzt wirkt es drei Jahre - benützt ein Prozent der Frauen. Laut Studie vertrauen 38 Prozent der Österreicherinnen im Alter zwischen 15 und 45 der Pille. Dem Kondom geben 21 Prozent den Vorzug, 13 Prozent verhüten gar nicht. Sieben Prozent passen auf, sechs haben die Spirale, zwei messen die Temperatur, je ein Prozent vertraut auf Chemikalien und Diaphragma. Über einen Zusammenhang zwischen Pille und Brustkrebsrisiko gibt es unzählige Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen, eine eindeutige Aussage kann nicht getroffen werden. Wohl aber sind die Risken für Thrombosen und Hirnschläge erhöht - besonders bei Raucherinnen. Die Sicherheit der jeweiligen Methoden wird mit dem Pearl-Index beschrieben (siehe Grafik): Diese Zahl gibt an, wie viele von 100 Frauen, die eine Methode ein Jahr lang anwendeten, in dieser Zeit schwanger wurden. (fei/DER STANDARD, Printausgabe 06./07.07.2002)