Wien - Im Sexualstrafrecht herrsche durchaus Erneuerungsbedarf, meint die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. So sei es zum Beispiel ein Skandal, dass nach herrschender Gesetzeslage minderjährige Stricherinnen und Stricher, nicht aber deren Freier, wegen "illegaler Prostitution" mit hohen Geldstrafen bedroht seien: "Eine Verschärfung, wie auch die EU sie verlangt, ist da prinzipiell nicht schlecht."Genau diese Aufforderung der EU sei in die Formulierung des Ersatzparagrafen für das aufgehobene Schwulen-"Mindestalter" (Paragraf 209 StGB) eingeflossen, hatte ÖVP-Justizsprecherin Maria Fekter in den letzten Tagen mehrmals betont. Und damit jenen Passus gemeint, der Sex mit unter 18-Jährigen "gegen Entgelt" unter Strafe stellen soll und den die Koalition samt zwei weiteren Neuerungen kommenden Dienstag im Nationalrat beschließen will. Zwar verheiße diese "Entgelt"-Regelung vermehrt Zugriff auf Freier: Doch "die Landesgesetze, nach denen die Mädchen bestraft werden, bleiben weiter in Kraft", betont Pinterits. Zur Gesetzesnovelle als Ganzes gibt sie sich skeptisch. Alles in allem werde "der Output den Jugendlichen in Österreich schaden". Auch die Sexualwissenschafterin und Juristin Rotraud Perner ist unzufrieden. Die "mangelnde Reife" unter 16-Jähriger, deren Ausnutzung in Zukunft mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden soll, sei "rechtlich unzulänglich definiert", kritisiert sie. Überhaupt hege sie den Verdacht, dass die Koalition bei der jetzt anvisierten "tiefgreifenden Änderung des Sexualstrafrechts" nötige Präzisierungen durch Experten umgehen wolle. Anders sei nicht zu verstehen, warum bisher nicht nur SPÖ und Grüne, sondern auch die zu Enqueten sonst so gern herangezogenen Gutachter den Gesetzesentwurf nicht zu Gesicht bekommen haben. Man wird sie wohl auch nicht mehr nach ihrer Meinung fragen. Sollten ÖVP und FPÖ den neuen Missbrauchsparagrafen am Montag intern absegnen und am Dienstag wie geplant im Plenum beschließen, sei "eine Begutachtung nicht nötig", heißt es aus der Parlamentsdirektion. Rein formal handle es sich nämlich "um einen einfachen Abänderungsantrag". (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.7.2002)