Welch beeindruckende Zahl an Komponistinnen Österreich hervorgebracht hat, wird einem erst bewusst, wenn man dieses Nachschlagewerk zur Hand nimmt, das erste seiner Art: 210 Österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart wurden bisher nicht in dieser Form gewürdigt (von Eva Marx und Gerlinde Haas, EURO 50,-/576 Seiten. Residenz Verlag).

Die beiden Autorinnen haben geschafft, was nur selten herausragendes Merkmal einer wissenschaftlichen Publikation ist: eine überaus ausgewogene Balance zwischen wissenschaftlicher Seriosität und ansprechender Darstellung - ins Auge stechend der überaus klare Aufbau der einzelnen Artikel. Bei eingehenderem "Anlesen" der einzelnen Artikel mit Blick auf die Werklisten erstaunt vor allem das breite Spektrum des Oeuvres vieler Eingetragener, das häufig sämtliche Gattungen des musikalischen Schaffens umfasst.

Überrascht stellt man die relativ große Anzahl von Komponistinnen sakraler Musik fest, deren Werke in den Kirchen Wiens wiederholt zur Aufführung gelangten - zu deren eindrucksvollsten zählen Ernestine de Bauduin, Clothilde Kainerstorfer oder die beiden Organistinnen Hilda Daninger und Maria Hofer.

Unter den Opernkomponistinnen hinterlässt Lili Scheidl-Hutterstrasser, deren Oper "Maria von Magdala" erstmals im Dezember 1919 unter Felix Weingartners Leitung an der Wiener Volksoper zur Aufführung gelangte, auch von ihrer Persönlichkeit her den faszinierendsten Eindruck. Als Komponistinnen von Operetten wurden Camilla Frydan, die Schwägerin Egon Friedells, deren Stücke u.a. in Wien und Berlin der 20er-Jahre in Szene gesetzt wurden, aber auch Henriette Fahrbach, Spross der Fahrbach-Dynastie mit enthusiastischen Kritiken der zeitgenössischen Presse bedacht.

Immer wieder bietet das Werk Überraschungen: Anlässlich der Uraufführung von Linda Bandáras symphonischer Dichtung "Ländliche Stimmungsbilder" (1922) unter dem Dirigat Franz Schalks etwa spielten keine Geringeren als die Wiener Philharmoniker. Erstaunlich auch Lise Mayer, die im November 1929 als Komponistin und Dirigentin am Pult der Berliner Philharmoniker neben Beethovens Vierter ihre eigene Symphonie "Kokain" zur Aufführung brachte.

In die aktuelle Musikszene führen u.a. die Multimediakünstlerin und Extremviolonistin Mia Zabelka und die als Künstlerin von computergesteuerten Klanginstallationen bekannte Andrea Sodomka. Ferner ist auf die Ausführungen über Olga Neuwirth hinzuweisen, deren Kompositionen bereits mit einer Anzahl internationaler Preise ausgezeichnet wurden. Beachtung weit über die Landesgrenzen hinaus fand die Uraufführung ihres Musiktheaters in 13 Bildern, "Bählamms Fest", bei den Wiener Festwochen 1999.

Man wünscht diesem Lexikon, dass es aufgrund seines hohen wissenschaftlichen Standards Anstoß zu weiteren Forschungen gibt und viele musikinteressierte Laien, die sich von der eindringlichen biografischen Darstellung bisher oft unentdeckter Komponistinnen zu Entdeckungsreisen anregen lassen. (Von Charlotte Masser/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 6.07.2002)