Im Vorfeld des hundertsten Geburtstages eines der prominentesten Sozial- und Erkenntnisphilosophen ehrt seine Heimatstadt Wien den Exilanten: Ein Symposion und eine Ausstellung legen Wert auf die Ausgangspunkte und Wirkungen von Karl Poppers Denken. Wien - Der Erkenntnistheoretiker, Sozialphilosoph und Polemiker Sir Karl Popper (1902-1994) hat in konservativen Kreisen einen zu guten und in progressiverem Umfeld einen zu schlechten Ruf. "Ich will keine Freunde des August von Hayek", sagte Bruno Kreisky. Dabei verfocht Karl Popper - anders als sein Kollege v. Hayek an der London School of Economics - immer den Wohlfahrtsstaat und betonte dessen Verpflichtung: Es war das "rote Wien", das den jungen Popper geprägt hatte. Es war auch der aufkommende Nationalismus der Zwischenkriegszeit und der faschistische "Rückfall in eine Stammesgesellschaft", die sein im neuseeländischen Exil verfasstes Plädoyer für "falsifizierbare" Staatsdoktrinen beeinflussten (The Open Society and Its Enemies). Eine kleine Ausstellung im Palais Pálffy (bis 30. Juli, täglich 10-18 Uhr) und ein am Sonntag zu Ende gehendes großes Symposion an der Universität - über 200 Vorträge - zeigen deshalb klug vor allem die praktischen Ursprünge und Wirkungen von Poppers Denken. Hier einige Beispiele: Den Weg in dessen Denkwege könnte man nach der Ausstellung bei einem konkreten Haus der Innenstadt beginnen: In der Freisingergasse 1/Bauernmarkt (das Barockhaus, wo heute wie in Karl Poppers Geburtsjahr 1902 der Hofjuwelier Julius Hügler residierte) hatte Vater Simon seine Anwaltskanzlei. Und eine große Bibliothek, voll mit Philosophen von Francis Bacon über Descartes bis Kant. Wie beim Symposion zu hören, war Simon Popper bis 1913 sogar Mitglied der "Philosophischen Gesellschaft", in welcher auch Laien um die Jahrhundertwende die Probleme von Naturwissenschaft und Gesellschaft diskutierten: Derart populär war Philosophie in Wien, vor allem im aufgeklärten jüdischen Bürgertum, das von der deutschen Mehrheit nicht akzeptiert wurde. Just deshalb, so Popper-Biograf Halachi Hacohen, entwarfen diese eine übernationale "Gelehrtenrepublik". In diese wollte aber der Sohn zunächst gar nicht eintreten: Der Hochbegabte brach die Mittelschule ab, machte eine Tischlerlehre, arbeitete an Alfred Adlers Sozialprojekten mit, lebte in einer Kommune. Von Kindheit an aber hatte er sich auch für Naturwissenschaft interessiert (angeregt durch den Expeditionsbericht von Fritjof Nansen). Karl Popper, den die Ausstellung gerne auf Felsen und Feldern präsentiert, schaffte, im zweiten Anlauf, die Abendmatura: Beim ersten Antreten beanstandete ironischerweise der "Wiener Kreis"-Soziologe Edgar Zilsel "mangelnde Logikkenntnisse". Um 1925 Studium beim Psychologen und Sprachtheoretiker Karl Bühler und beim positivistischen Erkenntnistheoretiker Rudolf Carnap. Dabei dachte Popper - inzwischen auch Hauptschullehrer für Chemie und Physik - über ein Grundproblem der Naturwissenschaft nach: Wie kann man, wenn - wie schon David Hume nachgewiesen hatte - Induktion nie ausreicht, zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Sätzen finden? Die Antwort in Die Logik der Forschung (1935): Gar nicht, alles muss immer widerlegbar bleiben ("Falsifikationskriterium"), der Glaube an Gewissheit ist in der Wissenschaft so gefährlich wie in der Politik. Eben hier setzte auch das Symposion an. Poppers unbedingter Glaube an die kritische Rationalität wurde nicht nur von Hörern aus Afrika, Indien und China relativiert (wobei es klar ist, so die Diskussion in der Sektion "Moralphilosophie", dass für Popper die westliche Tradition den Führungsanspruch hat). Ein interessantes Problem ist das Verhältnis von Poppers Theorie und politischer oder auch gesellschaftlicher Praxis. Es ist keineswegs so einfach, wie es Hans Albert in seinem Eröffnungsvortrag darstellte. Vielmehr muss man mit Ulrich Steinforth auch feststellen, dass einige Grundzüge von Popper vereinfacht werden, wenn man es reduziert auf: Die "offene Gesellschaft" sei eine die Tabus jeder Ideologie reflektierende (doch nicht die eigenen), oder: Das Ziel einer guten Gesellschaft sei das "Glück" des Einzelnen, das sogar mit Militärgewalt verteidigt werden könne (allerdings lehnt Popper immer Imperialismus ab, und man müsse, so Steinforth, am Beispiel USA unterscheiden zwischen einer sehr toleranten Innen- und einer wenig toleranten Außenpolitik). Lebendige Praxis Praktiker werfen solchen Vereinfachungen vor, dass Karl Popper zwar selbst als Praktiker - in der Schulreform etwa - begann, später aber primär auf der Höhe naturwissenschaftlicher und logischer Theoriestreitigkeiten agierte, weit weg von konkreten (sozial-)politischen Problemen. Für den in einer alternativen Hochschule des Londoner East Ends arbeitenden Tyrell Burgess liegt in der Schließung der Kluft von Theorie und "Sozialtechnologie" deshalb auch eine zentrale Aufgabe einer vitalen Popper-Tradition: Burgess zitierte Karl Poppers berühmte Vision einer anderen Schule, wo junge Menschen nicht mehr unerwünschte Antworten auf ungestellte Fragen bekämen, sondern ohne Langeweile selbst Probleme entdecken und lösen könnten: Das sei, so Burgess, immer noch das Problem auch der Universitäten, wo viel gelehrt und absolviert werde, aber zu wenig Kreativität zugelassen würde. Sein Wunsch: weniger Studien über Arbeitslosigkeit, mehr konkrete Verhinderung. (DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 6.07.2002)