Wien - In New Orleans, dort, wo sich der Bodensatz des amerikanischen Schmelztiegels sammelt, lebt es sich bekanntlich etwas exzentrisch: Krokodil zum Frühstück, nachmittags ein Arztbesuch bei Dr. John und am Abend einen Fitnessteller aus der Voodoo-Küche. Dazwischen schickt man ein paar hochprozentige Abflussreiniger durchs System und nennt das Ganze einen Tag. Aber was wäre ein solcher ohne die adäquate Musik? "Nada", "rien."Deshalb hat der liebe Gott nicht nur die Wiege des Jazz in New Orleans aufgestellt, sondern 1953 auch Willy DeVille geschaffen. Wenngleich dieser von New York aus sein gelobtes und geliebtes Ziel am Ende des Mississippi erst hat finden müssen. Aber über die breiten Wege des Herrn konnte ja schon Moses ein Liedchen singen. Weil Willy aber ein Bursch ist, singt er nicht nur im "Big Easy", sondern verbreitet dessen speziellen Klang in der ganzen Welt. Am Donnerstag schaute er deshalb in der Szene Wien vorbei. Der Bohemien mit Kleinkriminellen-Vergangenheit, aus der er noch die "gfeanzte" Drei-Millimeter-Rotzbremse trägt, wurde begleitet von einem Perkussionisten und aufrechtem Bass. Ein Gitarrist, der auch eine Mandoline oder Geige handhabte als wär's nichts, saß ihm zur Seite, während die Backgroundsängerinnen "Sweety and Lisa" für Halleluja und Gänsehaut sorgten. Etwa in Can't Do Without It, in dem die beiden klarstellten, dass Soul ein wesentliches Delta-Merkmal ist. DeVille, in Geberlaune, spielte ebenfalls Gitarre und zwar nicht selten Slide. Also die notenfaule, auf Intuition bauende Art, die seine in Blues-Nähe angesiedelten Songs - seien sie spanisch gefärbt oder karibisch trunken -, ausmachen. Mit abgespreiztem kleinem Finger verkostete er zwischen den Songs heimisches Bier, sprach Tschick und einem trockenen Weißen zu und nahm nonchalant Blumenspenden ergebener Damen entgegen. Elvis' One Night With You krempelte DeVille in ein wohl autobiografisch zu deutendes One Night Of Sin um, adaptierte Warren Zevons Carmelita ins Drogenmillieu und geizte nicht mit alten Hadern aus seiner Mink-DeVille-Vergangenheit. Bad Boy etwa aus dem Album Le Chat Bleu (1980). Das Publikum war begeistert, und Willy schob nach dreckigen Juke-Joint-Rumplern wie Over The Hill schließlich noch den "Ich dreh' meine Alte heim"-Gassenhauer Hey! Joe nach. Ein Abend zum Niederknien und Dankgebete-Trinken. (flu/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 6.07.2002)