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Wien - Beinahe ist man überrascht über den leichten Tiroler Akzent in seiner Stimme. Obwohl er tatsächlich in der Stadt am Inn das Licht der Welt erblickte, damals, vor über 58 Lenzen. Durch den rumänisch-italienischen Namen "vorbelastet" und in 27 langen Auslandsjahren zum polyglotten Europoliten gereift, würde man in Radu Malfatti tatsächlich keinen Mann mit alpenländischen Bergweltwurzeln - ja, auch als Skilehrer hat er sich einst verdingt - vermuten. "Geboren in Innsbruck. 1965 bis 1970 Musikakademie in Graz gesucht. Bei Eje Thelin studiert. Mit Sonny Rollins gesprochen. Mit Luigi Nono Kaffee getrunken. Spielt gerne Schach mit Siegfried Fussy. Sehr viel gelesen, alles vergessen." Malfatti selbst pflegt Ausführungen im Kontext seines Curriculum Vitae mit Süffisanz entgegenzuwirken. Seine Weigerung, dem Vaterland als Wehr-"Diener" zur Verfügung zu stehen, trieb ihn ab 1970 über Amsterdam, London, Florenz, Zürich und Ostberlin durch den halben Kontinent. Jahre, in denen sich der Posaunist und Komponist von Derek Bailey und der exilsüdafrikanischen Brotherhood of Breath Chris McGregors abwärts durch die gesamte Avantgardeszene spielte. Und das mit prägte, was als europäische "improvisierte Musik" erfolgreich nach Emanzipation vom afroamerikanischen Freejazz strebte. "Mir war meine eigene Stagnation, meine Erstarrung in der improvisierten Musik schon früh ein Dorn im Aug", so Malfatti, der rasch die Historisierungstendenzen innerhalb dieser neuen Bewegung erkannte. "Wie konnte ich es schaffen, aus meinen eigenen Klischees rauszukommen? In den 70ern habe ich eine Zeit lang mit Klangfarben, Klangverformungen gearbeitet. Bis ich eine ganze Reisetasche mit Dämpfern und anderen Utensilien - schweren Herzens - in den Container schmiss. In dieser Zeit begann ich dann, Atemgeräusche einzusetzen." Schon vor seiner Bekanntschaft mit Luigi Nono in Berlin - "er hat mehrmals gesagt, er wolle etwas Wildes für mich schreiben; leider ist er dann gestorben" - hatte Malfatti die Komposition neu für sich entdeckt. Nicht ohne im von abstrakten, in meditativer Gelöstheit und autonomer Ereignishaftigkeit gesetzten Klängen erfüllten Malfattischen Klangkosmos John Cages Diktum zu folgen, wonach es keinen Grund gebe, sich vor der Stille zu fürchten. Der Zeitrahmen "Ich sage nicht, ich habe eine Anzahl von Klängen, aus der sich ein gewisser Zeitablauf ergibt, sondern ich gebe zuerst die Zeit als Rahmen, als Form vor: eine Stunde, vier Stunden, zwei Minuten, wie auch immer. Erst dann frage ich mich, was ich mit dieser Stille anfange", so Malfatti über seine Methode. "Alle meine Stücke beginnen mit Stille, die auch während eines Klangs präsent bleibt, davon nur zugedeckt wird. Danach ist die Stille jedoch nicht mehr dieselbe." "Es ist so, wie wenn du auf ein weißes Blatt Papier einen Strich machst und ihn ausradierst. Das weiße Blatt ist danach kein weißes Blatt mehr." 1994 fand Malfatti in seinen offenkundig von der "New York School" um Cage und Morton Feldman inspirierten Anschauungen Wahlverwandte in Burkhard Schlothauer und Antoine Beuger, den Gründern des Berliner Komponistenkollektivs Wandelweiser. Nach Konzertreihen u. a. im Porgy & Bess lädt der 58-Jährige, seit Dezember 1997 - auch für ihn selbst überraschend - in Wien wohnhaft, nun für einige Wandelweiser-Tage ins Burgenland: Sieben Tonsetzer und Instrumentalisten, ein Literat (Gottfried Wanner) und ein Videokünstler (Christoph Nicolaus) proben, reflektieren und konzertieren in entspannter Werkstattatmosphäre am Zurndorfer Friedrichshof. Gemeinsam lassen sie nicht nur den von jedweder idiomatischer Färbung entschlackten Klang, sondern auch die Stille zu sich selbst kommen. Zuweilen mit der Eigenwilligkeit eines Tiroler Akzents. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 6.07.2002)