Sechs statt 60 Bodenkontrollstellen. So sehen die Zahlenverhältnisse bei der Flugüberwachung im Vergleich USA-Europa aus - bei einem ähnlich großen Luftraum. Wenn in der EU also noch irgendwo die Grenzen fallen müssen, dann in der Luft. Dass dadurch das Unglück vom Bodensee hätte verhindert werden können, sagt zwar nicht einmal die EU-Kommission, deren Pläne für den einheitlichen europäischen Luftraum "Single European Sky" seit Oktober vorliegen. Doch man muss kein Experte sein, um zu sehen: Je seltener ein Fluglotse wegen seiner nationalen Zuständigkeit eine Maschine an einen anderen Fluglotsen übergeben muss, desto weniger Kommunikationsprobleme und Gefahrenmomente gibt es.Vielleicht sehen das auch die französischen Fluglotsen ein, die vor zwei Wochen gegen die EU-Pläne streikten, weil sie fürchten, dass mit ihnen eine Privatisierung ihrer Aufgaben einhergeht - die Brüssel gar nicht verlangt. Ihnen müsste ebenfalls daran gelegen sein, dass ihre Ausrüstung und ihre Ausbildung auf europäischer Ebene vereinheitlicht werden. Ob das interne Koordinationsmängel und Schlampereien, wie sie offenbar bei der Schweizer Skyguide in der Unglücksnacht vorgekommen sind, verhindert, ist natürlich eine andere Frage. Bei aller Trauer um die Opfer und allem Verständnis für die Flugangst, die nun zu Beginn der Urlaubszeit viele befallen mag, lässt sich doch eine realistische Bemerkung nicht vermeiden: Nicht nur die Technik, die Fluglotsen, die Piloten und die Politiker sind schuld daran, dass es in der Luft gefährlicher geworden ist. Auch jeder Fluggast ist es. Denn es sind unsere Reisebedürfnisse, unsere Wünsche, aus der ganzen Welt Pakete, Bauteile oder Schnittblumen immer schneller zu bekommen, die die Flugzeuge fliegen lassen und damit den Luftraum verstopfen. Der Flugverkehr nimmt in Europa jährlich um fünf Prozent zu - den Einbruch nach dem 11. September einmal ausgeblendet. Wo sich viel bewegt, passiert eben auch mehr. Dennoch: Sicherer als das Flugzeug ist nur der Autobus. So sagen es die Statistiker, die "Verkehrstote je Milliarden Personenkilometer" berechnen. Psychologisch hilft das wenig, da bei Flugzeugab- und Busumstürzen immer auf einen Schlag besonders viele Menschen zuschaden kommen. Wer seine Reisegewohnheiten nach Abstürzen oder Attentaten überdenkt, muss dies weniger aus Angst tun. Die Frage ist vielmehr: Muss ich immer öfter in die Ferne fliegen? Oder folge ich unter ökologischen Gesichtspunkten nicht einem allzu egoistischen Konsumtrieb? Selbstbeschränkung ist als Verhaltensweise nicht besonders in Mode. Sie ist aber langfristig wohl nötig, damit wir nicht all unsere Ressourcen in die Luft blasen und am "Immer Mehr" ersticken. Die Single-Sky-Pläne der EU werden nur das knappe Gut Luftraum besser bewirtschaften, mehr Sicherheit schaffen und vielleicht auch ein wenig Kerosin einsparen. Doch im Grunde wirken sie wie ein achtspuriger Ausbau der Brennerautobahn. (Jörg Wojahn/DER STANDARD, Printausgabe 06./07.07.2002)