Anton Lamboj ist Spezialist für Cichliden und damit für eine besonders interessante Tiergruppe: Denn Buntbarsche, so heißen die in Afrika, Südamerika und Indien beheimateten Süßwasserfische auf Deutsch, sind für zahlreiche Merkwürdigkeiten gut. So gibt es unter ihnen zum Beispiel so genannte "Maulbrüter": Da tragen die Weibchen oder auch die Männchen die Eier im Maul, um sie vor Fressfeinden zu schützen; gegebenenfalls dient das elterliche Maul dann auch den bereits geschlüpften Jungen bei Gefahr als Zuflucht.Buntbarsche - vor allem jene Ostafrikas - gelten auch als Musterbeispiele für die mögliche Geschwindigkeit der evolutionären Entwicklung. Lamboj nennt beeindruckende Zahlen: "Aus einigen wenigen Ausgangsarten haben sich in den ostafrikanischen Seen innerhalb von 100.000 bis 120.000 Jahren Dutzende Arten entwickelt. Von einem Natronsee in Kenia weiß man, dass da vier Arten in nur 9000 Jahren entstanden sind." "Female matechoice": Damenwahl und ihre Auswirkungen Möglich wurde dieser Artenreichtum dadurch, dass die Fische rasch jede ökologische Nische genutzt haben. So finden sich zum Beispiel in verschiedenen Wassertiefen unterschiedliche Buntbarscharten. Selbstverständlich nutzen sie auch verschiedene Nahrungsquellen: Manche Arten sind Algenfresser, andere fressen Fische, und es gibt sogar Buntbarsche, die darauf spezialisiert sind, anderen Fischen die Schuppen abzubeißen und sich davon zu ernähren. "Die Cichliden sind aber auch ein Paradebeispiel für die Auswirkungen des ,female matechoice', also für die Folgen, welche die Partnerwahl durch das Weibchen hat", erklärt Lamboj weiter. "Andere Faktoren, zum Beispiel das Nutzen von Nahrungsnischen, wirken langsam; wenn sich aber ein Weibchen für ein Männchen entscheidet, das sich optisch oder verhaltensmäßig von den anderen unterscheidet, hat das sofort Folgen. Junge dieses Weibchens können diese Präferenz ebenfalls zeigen, und somit kommt ein evolutionärer Prozess in Gang." Durch massive Eingriffe des Menschen sind viele Buntbarscharten aber mittlerweile vom Aussterben bedroht. Lamboj nennt ein Beispiel: "Die intensivierte Landwirtschaft führt zu einem verstärkten Nährstoffeintrag in den Viktoria-See. Durch den verstärkten Nährstoffeintrag wiederum stellen sich in den einzelnen Schichten des Sees die Spektralfarben anders dar. In der Folge können die Weibchen, welche die Männchen der eigenen Art sehr oft nur an optischen Signalen erkennen, nicht mehr richtig zuordnen. Die Weibchen wählen daraufhin die falschen Partner, nämlich Männchen anderer Arten. Aus den fremdbefruchteten Eiern schlüpfen dann Junge, die weder zur Art des Muttertieres noch zu der des Vatertieres gehören. Diese Artvermischungen führen letztlich zu Artverlust." Das Gegenteil von gut ist gut gemeint Auch andere, durchaus gut gemeinte Eingriffe das Menschen haben sich auf die ostafrikanischen Buntbarsche fatal ausgewirkt: Die kleinen, meist acht bis 15 Zentimeter langen Cichliden wurden in der traditionellen Fischerei genutzt. Um mehr Fischfleisch zu lukrieren, wurden im Rahmen von Entwicklungshilfeprojekten große Nilbarsche freigesetzt - und diese rotteten in kürzester Zeit etliche Cichlidenarten aus. In den letzten Jahren gab es aber auch immer wieder Initiativen, die einmalige Artenvielfalt doch zu erhalten - zum Beispiel durch Erhaltungszuchtprogramme. "Die Haltung der Buntbarsche stellt eigentlich kaum ein Problem dar, und viele Arten werden ja häufig als Aquarienfische gehalten", erklärt Lamboj. "Doch es ist wichtig, Arten nicht zusammen zu halten, die nahe miteinander verwandt sind, sonst kommt es leicht zur Hybridisierung. Daran sind schon Projekte gescheitert: Die Arten haben sich vermischt." Es scheine auch, so Lamboj weiter, "dass kleinere Organismen in Tiergärten, Zoos oder Schauanlagen oft nicht so gern oder nicht so gut betreut werden wie vordergründig spektakuläre Arten", und auch die Süßwasserfauna werde häufig vernachlässigt. "In vielen Aquarien werden Haie oder Meeresschildkröten gehalten, obwohl das Platzangebot hier ja nur extrem beschränkt sein kann. Cichliden wären viel leichter gut unterzubringen, aber es fehlt leider das Interesse." Dasselbe gelte für die Forschung, in der sich Lamboj ebenfalls mehr Engagement wünschen würde: "In Österreich beschäftigen sich nur drei Wissenschafter mit Cichliden. Dabei wäre da noch so viel zu entdecken. Und die Zeit drängt, denn immer mehr Lebensräume werden zerstört, nicht nur in Ostafrika. Ich beschäftige mich speziell mit den Buntbarschen, die in den Flüssen Westafrikas leben. In Gabun waren 1985 nur vier Arten bekannt, heute kennt man 14 Arten, und die zehn neuen wurden von nur drei Personen inklusive mir entdeckt. Und mit der Entdeckung würde ihre Erforschung ja eigentlich erst beginnen." Denn die Evolution der Buntbarsche hat nicht nur einen Formen- und Farbenreichtum produziert, sondern auch hochinteressante Verhaltensmuster. Lamboj kennt zum Beispiel einige südamerikanische Arten, "die legen ihre Eier auf ein Stück Holz oder auf ein Blatt wie auf ein Floss und manövrieren dieses bei Bedarf auch mit dem Maul aus dem Gefahrenbereich". Auf viele Bedrohungen haben die Buntbarsche während ihrer so raschen Entwicklung in erstaunlich vielseitiger Weise reagiert. Es bleibt zu hoffen, dass ihr evolutionäres Potenzial weiterhin ausreicht - auch angesichts einer Bedrohung namens Mensch. (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7. 7. 2002)