Verlag
Das ist schon merkwürdig: Ein Buch erscheint im weißen Schutzumschlag, ohne Klappentext, ohne Rückentext, ohne Biographie. Der Suhrkamp-Verlag beweist Mut zur Lücke und zugleich Feigheit vor dem Feind. Martin Walsers Roman soll für sich selber sprechen, mit der vertragsgemäßen Veröffentlichung hat der Verlag sein Unterstützungspotenzial offenkundig erschöpft. Weiß ist die Farbe der Unschuld, und diesen Zustand der Unschuld sähe man bei Suhrkamp gerne wiederhergestellt. Aber das geht natürlich nicht. Wie könnte man nach einer Debatte im Stil eines Bassenastreits dieses Buch noch unbefangen lesen? Da offerierten Leute ihr Urteil, die ganz offen einbekannten, den Text nicht zu kennen - Literaturexperten wie Daniel Cohn-Bendit, der, selbst kein ganz junger Knacker mehr, das Buch dem "alten Knacker" nicht als Jugendsünde durchgehen lassen wollte; seine Überzeugung stützte sich dabei auf Walsers Kindheitsroman Ein springender Brunnen, den Cohn-Bendit allerdings auch nicht gelesen haben kann, unterstellt er ihm doch eine "völlig verquere Darstellung des Holocaust". Wie also Unbefangenheit erhoffen angesichts der öffentlich gemachten Bankrotterklärung der deutschen Literaturkritik, ja der deutschen Intelligenz? (In Österreich und der Schweiz hemmte offenbar Besonnenheit den Biss.) Als man mit dem Verdikt des Antisemitischen nicht durchkam, folgte man der Parole "Was soll's, es ist ein schlechtes Buch." Ausgegeben hat sie in all ihrer richterlichen Apodiktik Reich-Ranicki persönlich - "ein so schlechtes Buch habe ich lange nicht mehr gelesen" - um damit seinem Bild und Zerrbild in Walsers Roman einmal mehr gerecht zu werden: "Bücher sind Gut oder Schlecht. Der Rest ist Korruption. Sagt Ehrl-König." So drängt sich eine zweite Frage auf: Lässt sich ein Schlüsselroman überhaupt rein ästhetisch betrachten? Könnten wir den Text, hätte es das hysterische Hinhauen im Vorfeld nicht gegeben, unbefangen lesen? Wohl nicht. Das ist eine Frage der Gattung. Der Schlüsselroman richtet sich stets gegen konkrete Personen, deren Namen er preisgibt, indem er sie verschlüsselt. Er verträgt sich kaum mit dem großen Kunstwerk, es mangelt ihm sowohl an Souveränität als auch an Autonomie. Tod eines Kritikers zu kritisieren hätte also in jedem Fall bedeutet, zur Rolle Marcel Reich-Ranickis Stellung zu beziehen, wobei jedoch seine Identität als Jude gewiss nicht im Vordergrund gestanden wäre. Jetzt reduziert sich die Kardinalfrage der Rezensenten auf die Alternative: Ist das eine Polemik oder eine antisemitische Polemik? Ein gerechter oder ein schmutziger Krieg? Erst dann lässt sich danach fragen, wie dieses Buch gemacht ist. Wie also? Es erzählt die Insider-Geschichte aus dem Blickwinkel eines Außenseiters, eines Fachmanns für Mystik und Alchemie, der als Freund des bekannten Schriftstellers Hans Lach diesem zu Hilfe eilt, als er von dessen Verhaftung erfährt: Nachdem Lachs neuer Roman Mädchen ohne Zehennägel vom Kritiker André Ehrl-König in dessen TV-Show Sprechstunde vernichtend abgeurteilt worden war, hatte es beim anschließenden Empfang im Hause des Verlegers Pilgrim einen Eklat gegeben. Der gekränkte Autor hatte den allgemein als geschmacklos aufgefassten Satz "Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen" geäußert (wo Ehrl-König doch "zu seinen Vorfahren auch Juden zähle"). Und am nächsten Tag fand man den blutigen Pullover des Kritikers und ansonsten von diesem keine Spur. In seinen Memoiren berichtet Marcel Reich-Ranicki mit kaltblütigem Staunen von Autoren, die ihm mehr oder minder offen den Tod gewünscht hätten. Martin Walser hat diese Phantasie in seinem Buch ausgelebt, ohne auf Distanz zu gehen: "Erzähler und Erzählter sind eins. Sowieso und immer." Was sich dieser Hans Lach sagen lassen muss, das bekam auch Walser, der Erzähler, der Fast-Nur-Erzähler, zu hören: "Er kann alles mögliche", aber "erzählen, das kann er nicht, das kann er ums Verrecken nicht." Dazu die obligate Versicherung, die die Machtausübung nur noch schmerzhafter macht: wie schwer es sei, so etwas über das Buch eines Freundes sagen zu müssen. Walser entblößt hier seine Wunden, und er verweist außerdem auf eine veritable Versehrtenriege der deutschen Literatur: feige Rachsüchtige allenthalben. Indem er seinen Erzähler als tumben Toren auf Wahrheitssuche schickt, hat er Gelegenheit, den Literaturbetrieb aus mancherlei Perspektive zu beleuchten, Zeugenaussagen gegen IHN zu sammeln. Wie es um die Solidarität unter Verwundeten bestellt ist, lässt Walsers Widmung ahnen: nicht etwa "Für meine Kollegen", sondern: "Für die, die meine Kollegen sind." Also: die es wirklich sind. Was Walser will, liegt auf der Hand: den vernichten, von dem er sich vernichtet fühlt. Mit denselben Waffen, die auch dem Kritiker zu Gebote stehen, der freilich den Vorteil hat, dass sein Urteil im Fernsehen verkündet von ungleich größerem Effekt ist. Das Zitat aus Hitlers Kriegsrhetorik kommt nicht von ungefähr, auch wenn es sich gegen Lach kehrt, der sich ja zu Recht für den Angegriffenen hält: Hier wird mit aller Macht Krieg geführt gegen einen Mächtigen. Ehrl-König hat manchem ein Leids getan, und das soll ihm heimgezahlt werden. Hass macht gewöhnlich blind, aber Walsers Blick auf den Titanen bleibt in Zeichnung und satirischer Überzeichnung klar und scharf. Ehrl-König, süchtig nach Lob und nach Lachern, "theorielos und praxisfern", ist der Erfinder der "Pleasure-Moral": Gut ist, was mich unterhält. Bei der "Umwertung aller Werte" ist ihm nur einer übriggeblieben: "der Unterhaltungswert". Sein Movens: "Herabsetzungslust", seine Spezialität: der Schlag ohne Motiv. Beim Ritual des TV-Auftritts steht des Kritikers Thron auf Büchern, auf dem Zauberberg und der Effi Briest, als "Überraschungsgast" sekundiert ihm die durch keinerlei Sexismus zu irritierende Susan Sontag alias Martha Friday. Walser schwelgt in seiner Bezeichnungs- und Bezichtigungskunst und nimmt sein alter ego vom bösen Witz nicht aus. Lach ist auch lächerlich, er schreibt Bizarres, nimmt sich allzu wichtig, ist auf Ehrl-König libidinös fixiert und richtet sich häuslich ein in Demütigung und Niederlage. Von einem Verlierer, einem Beamten, der als Kohlhaas gegen seine Vorgesetzten zu Felde zieht, hat Walser in Finks Krieg erzählt. "Quod est superius est sicut inferius" lautet das Motto des neuen Buches: Was überlegen ist, ist wie unterlegen. Es geht um Sieger und Besiegte, also auch um Deutschland. Im Grunde handelt Walser in seiner Parabel vom Größenwahn die Relativität von Größe ab: Das Lach-Ich hat das Gefühl zu schrumpfen und erreicht über Nacht stets wieder die alte Größe. Der Kritiker lässt in seinen Maßschuhen zwei Zentimeter Größengewinn verstecken. Der "Giftzwerg" bemüht sich, den großen Goethe gelegentlich klein zu machen. Er vergleicht sich, von König zu König, mit Christus, den er seltsamerweise seinen "Vorfahren" nennt. Dabei wird Ehrl-König als einer gezeichnet, der seine Herkunft nicht herauskehrt, ein Lothringer, der Reich-Ranickis (polnische) Artikulation - "Fereund", "Schschscheriftstellerr" - mit "Literatür" mixt; statt wie in den Fahnen "doitsch" heißt es nun "deutsch", womit eine Anspielung auf das jüdische "Oi" in der sensiblen Wort-Zone vermieden wird. Ansonsten kennt man die Sprachkarikatur des Meisters aus dem Kabarett. (Das übrige nun Weggelassene ist harmloser Gerüchtekolorit.) Vom Vorwurf des Antisemitismus überrascht worden zu sein, glaubt man Walser freilich nicht, analysiert er doch die eben jene "Verurteilungseinhelligkeit" als Schema von Reiz und Reaktion: "Das Thema war jetzt, dass Hans Lach einen Juden getötet hatte." Weil Tod eines Kritikers kein Krimi ist, darf man es verraten: Ehrl-König ist, naturgemäß, gar nicht tot. Und der Autor Hans Lach gibt gegen Ende zu, sich hinter einem erfundenen Erzähler versteckt zu haben. Als Satire ist Walsers Roman quasi auf halbem Weg zwischen Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord und Bernhards Holzfällen, zwischen Leichtigkeit und Tiefendimension steckengeblieben: weil das Buch in Marginales, in Nebenhandlungen und lehrreiche Einsprengsel zerflattert, weil sein Autor andererseits für ein Gesamtbild zu sehr ad personam und in eigener Sache spricht. Ein amüsantes Lehrstück in Sachen deutscher Öffentlichkeit ist ihm dennoch gelungen. (Von Daniela Strigl/DER STANDARD, Album, Printausgabe, Sa./So., 6.07.2002)