Die Revolution des Jahres 1848 schien den gemeinsamen Staat aller - unter einer Vielzahl von Herrschern lebenden - Deutschen in greifbare Nähe zu rücken. Zwar würde es keine Republik sein, wie es die extreme Linke der damaligen Zeit wünschte, aber der breite Strom der liberalen und der linken Kräfte sah sich durch die gesamtdeutschen Wahlen in allen Staaten des Deutschen Bundes für die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche bestätigt.Auch die deutschen Österreicher hatten mitgewählt, nur die Tschechen Böhmens, das ja, seit fast einem Jahrtausend auch Teil des alten Heiligen Römischen Reiches, innerhalb der Grenzen des Deutschen Bundes lag, waren nicht zur Entsendung von Abgeordneten nach Frankfurt bereit. Für die Linke war die Einbeziehung Österreichs selbstverständlich. Die konservative Rechte hingegen, grundsätzlich für die Erhaltung der Fürstenstaaten und ihrer Privilegien und für eine bloß reformierte föderative Lösung, setzte auf Preußen. Verfassungsmäßig schuf die Paulskirchenversammlung den ersten deutschen Nationalstaat, mit einem Staatsoberhaupt, einer Regierung und einem Parlament (von den Vereinigten Staaten war er sogar anerkannt worden). Die Österreicher hatten darin zunächst das Übergewicht, das Schwarz-Rot-Gold des neuen Deutschland war ja auch die Farbe der Revolutionäre in Wien gewesen, dort wehten überall die Reichsfahnen, selbst die Frauen trugen sie als Kokarden. Zum provisorischen Staatsoberhaupt wurde als "Reichsverweser" Erzherzog Johann gewählt, der, liberalen Ideen offen, als Feind Metternichs von der Dynastie kaltgestellt worden war. In der Reichsregierung waren die Österreicher mit Max von Schmerling an der Spitze stark vertreten. Doch es fehlte diesem virtuellen Staat die Machtgrundlage, vor allem die Armee. Der Reichsverweser musste die Preußen zu Hilfe rufen, um den Anspruch auf die Einbeziehung Schleswigs durchzusetzen. Als dies infolge der Internationalisierung des Konflikts scheiterte, kam es in Frankfurt zu einem Aufruhr der Linken, der zugleich von nationalem und sozialem Protest getragen war. Johann musste preußische und österreichische Truppen um Hilfe bitten. Im Oktober 1848 wurde in Wien die Revolution blutig niedergeschlagen. Der neue Kaiser Franz Joseph und sein Minister Schwarzenberg wollten die multinationale Monarchie mit Rückkehr zum Absolutismus erhalten, ihre Vision war die Verbindung mit Deutschland zu einem (damals) 70-Millionen-Reich unter Habsburgs Führung. Im dahindümpelnden Frankfurter Parlament gewannen jene Kräfte die Oberhand, die sich mit einer "kleindeutschen" Lösung in Anlehnung an Preußen begnügen wollten. Der preußische König, mit knapper Mehrheit zum Kaiser gewählt, lehnte die Krone als "mit dem Ludergeruch der Revolution behaftet" ab. Unerfüllte Sehnsucht Die Geburt des deutschen Nationalstaates war verschoben - obwohl die wirtschaftliche Entwicklung und daher die liberalen Kräfte des Bürgertums dazu ebenso drängten wie das von der Revolution geweckte, auch von den Hoffnungen der rechtlosen Volksschichten getragene neue Nationalgefühl. Die Mythisierung der gescheiterten 48er-Revolution ließ die großdeutschen Sehnsüchte gerade in Österreich weiterleben: nicht nur bei den sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildenden deutschnationalen Parteien, sondern auch in der Sozialdemokratie, die die mit gesamtdeutschen Vorstellungen verknüpfte revolutionäre Tradition von 1848 auch noch in der Ersten Republik bewusst pflegte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7. 7. 2002)