Wien - Dass ein vom Nationalrat gewählter Funktionsträger die Befreiung 1945 mehrfach öffentlich negieren und die zehnjährige Präsenz der Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Nazi-Barbarei gleichsetzen könne, ruft nicht nur in der russischen, sondern auch in den Botschaften der vormaligen West-Alliierten in Wien äußerstes Befremden hervor. Konsterniert ist man vor allem über das bisherige Ausbleiben einer "Zurechtweisung" durch die Staats- und Regierungsspitzen. "Die Geschichtsinterpretationen eines österreichischen Ombudsmannes wären an und für sich nur von sehr geringer Relevanz. Viel bedenklicher ist, dass in einer so fundamentalen Frage ein unmissverständlicher Widerspruch von kompetenter Stelle der Republik auf sich warten lässt", meinte ein ranghoher diplomatischer Vertreter einer westlichen Staatsvertrags-Signatarmacht im Gespräch mit der APA und fügte die Bemerkung hinzu: "Es gibt doch in diesem Land einen Präsidenten, der sich als moralische Autorität begreift und als ehemaliger Botschafter in Washington wissen muss, welchen extrem schädlichen Eindruck derartige Entgleisungen hinterlassen". Beziehungen zu Alliierten bröckeln Jedenfalls wäre es "einfältig" zu glauben, dass sich "ein Skandal von solchem Ausmaß" nicht negativ auf die Beziehungen zu den Alliierten auswirken würde, deren Armeen Österreich 1945 befreit haben und von denen zwei heute EU-Partnerländer sind, so der Diplomat. Die Vorstellung, die "Geschichtsbild"-Diskussion ließe sich innerösterreichisch auf der Ebene von Parteisekretariaten und durch "Verfassungs-Expertisen von Universitätsprofessoren" abhandeln, sei eine "Schimäre". Darüber müsste man sich am Ballhausplatz rasch im Klaren sein. "Was möchte dieser Herr (Volksanwalt Ewald Stadler/FPÖ, Anm.) mit seinen Aussagen denn beweisen? Dass die (wegen des Regierungseintritts seiner Partei verhängten) Sanktionen (der EU-14) vollauf gerechtfertigt waren? Dass die Besetzung (durch die Alliierten 1945-55) nicht ausgereicht hat, um alle Relikte einer unmenschlichen Ideologie zu beseitigen? Dass die österreichische Argumentationslinie für die Erlangung des Staatsvertrages nur ein dreister Schwindel war?", fragt der diplomatische Österreich-Experte. Nationalsozialisten, Deutschnationale Das offizielle Österreich habe doch immer für sich in Anspruch genommen, als erstes freies Land der hitleristischen Angriffspolitik zum Opfer gefallen zu sein. "Dass es 1945 als unabhängiger Staat wiedererrichtet worden ist, verdankt es dem Willen der Alliierten." Man müsse sich doch fragen, ob es dem Volksanwalt, der die Kapitulation Nazi-Deutschlands betrauere, etwa darum gehe, in Erinnerung zu rufen, dass "der österreichische Beitrag zur eigenen Befreiung ein wohl eher bescheidener war". Oder wolle er unbedingt wieder darauf aufmerksam machen, dass "seine heute an der Regierung beteiligte Partei eine Schöpfung von ehemaligen Nationalsozialisten und von Deutschnationalen ist"? Seine Äußerungen würden in den Augen kritischer ausländischer Beobachter unweigerlich darauf hinauslaufen, jenen Recht zu geben, welche der Auffassung sind, dass es eine solche Partei gar nicht geben dürfte, hätte eine "effektive" Entnazifizierung in Österreich stattgefunden. Der österreichische Regierungschef sollte sich dann auch nicht über "krasse Unhöflichkeiten" gegenüber seiner Stellvertreterin im Ausland wundern, bemerkte der Diplomat (in Anspielung auf ein Interview des Bundeskanzlers für die Zeitschrift "Falter", Anm.). Bislang keine offiziellen Interventionen Bis Samstag hat es keine diplomatischen Interventionen wegen der umstrittenen Aussagen des FPÖ-Volksanwalts Ewald Stadler gegeben, der die Befreiung Österreichs durch die Alliierten 1945 negiert. Das sagten am Samstag übereinstimmend der Pressesprecher von Bundespräsident Thomas Klestil, Hans Magenschab, und der Leiter der Presse- und Informationsabteilung des Außenministeriums, Martin Weiss. "Wenn ein österreichischer Volksanwalt eine politische Meinung hat, dann führt das in der Regel nicht dazu, dass es irgendeinen diplomatischen Kommentar dazu gibt", sagte Weiss. Er glaube nicht, dass es in der Angelegenheit zu diplomatischen Demarchen anderer Länder kommen werde. Es handle sich um eine "innenpolitische Diskussion, das kommt nicht auf die außenpolitische Ebene." (APA)