Wien - Der Wiener Strafrechtler Frank Höpfel warnt vor einer übereilten Ersatzregelung zu dem vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) aufgehobenen Homosexuellen-Paragrafen 209. Jugendschutz sei zwar ein sehr wichtiges Anliegen. Aber der VP-FP-Entwurf sei noch zu unbestimmt und daher "so nicht praktikabel". Generell wäre statt ewiger "Flickschusterei" eine umfassende Modernisierung des Sexualstrafrechts nötig, meinte Höpfel. Der Strafrechtler versteht die jetzige Eile der Koalition nicht: Spätestens nach der 91:91-Abstimmung über den Par. 209 im Jahr 1996 hätte man eine gute Ersatzregelung finden müssen. "Es war des Gesetzgebers unwürdig, auf den Spruch des VfGH zu warten. Der wäre nicht notwendig gewesen." "Mangelnde Reife" sind heikle und unpraktikable Kriterien Die Neuregelung sollte jedenfalls nicht vor dem Sommer "durchgedrückt" werden, man sollte im Herbst darüber eingehend diskutieren, meinte Höpfel - unter deutlicher Kritik an den geplanten neuen Tatbeständen. Im VP-FP-Entwurf enthaltene Begriffe wie "mangelnde Reife" und "Ausnützen einer altersbedingten Überlegenheit" seien sehr heikle, unpraktikable Kriterien. Höpfel hat auch andere Bedenken: Man muss bedenken, "was man den Opfern antut, wenn sie bei Gericht über sich ergehen lassen müssen, dass man über ihre sexuelle Reife diskutiert. Die können einen Komplex fürs ganze Leben kriegen." Keine allmächtige Elternkontrolle Generell sei die Regelung sexueller Beziehungen im Strafrecht "sehr sehr heikel". Wenn, dann müsse man sich auf ganz klar umrissene, praktikable Fallgruppen beschränken. Dies sei auch Tenor der früheren Arbeitsgruppe gewesen. Keinesfalls dürfe eine solche Regelung "ein generelles Instrument werden für Eltern, ihre Kinder unter Kontrolle zu halten." Aufrechterhaltung des Jugendgerichtshofes Für die Ersatzregelung zum Par. 209 forderte Höpfel eine weit reichende Übergangsregelung: Im Gegensatz zur bisher üblichen Praxis sollten auch Verfahren, die im Rechtsmittelstadium sind, an der Änderung teilhaben. Außerdem dürfe man über diesen neuen Teil "Flickschusterei" nicht vergessen, dass das Sexualstrafrecht insgesamt überarbeitet und modernisiert werden müsse. Eine dringend nötige Regelung wäre z.B. - auch im Sinn des Schutzes Jugendlicher - die Ausdehnung des Tatbestands "Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses" auf Psychotherapeuten. Und wenn der Jugendschutz schon vordringliches Thema sei im Moment, müsse er, so Höpfel, auch für die Beibehaltung des Jugendgerichtshofes (JGH) eintreten. "Vielleicht könne man die Energien umlenken von der geplanten, noch nicht bis zum Ende durchgedachten Abschaffung des JGH hin zu einem konstruktiven Jugendschutz im Sinn einer guten Ersatzregelung für den Par. 209." (APA)