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Eines muss man dem irakischen Außenminister Naji Sabri lassen: Der Mann hat Humor. Nach dem Scheitern der Gespräche mit der UNO, das sein Land einem Krieg wieder ein bisschen näher gebracht haben dürfte, pries er am Samstag in Kärnten den dortigen Wirtschaftstreibenden abseits aller üblichen Sanktionenrhetorik den Irak vergnügt als "prosperierendes Land" an. Gute Geschäfte warteten dort auf alle "Freunde", von denen es in Österreich so viele gibt.

Das irakische Regime lebt fürwahr in einer schizoiden Situation: Nicht nur die kuriose Verhaberung des Kärntner Landeshauptmanns mit Naji Sabri ist ein Beweis für die bröckelnde Isolation der im Irak herrschenden Clique und ihrer Funktionäre; fast die ganze Welt - und da besonders die arabische und islamische - pflegt beste geschäftliche Beziehungen zu Bagdad. Andererseits wird mittlerweile die US-Ankündigung, Saddam Hussein stürzen zu wollen, international völlig ernst genommen. Jeder fragt sich nur, wann und wie es die USA angehen werden.

Und nach dem Misserfolg in Wien wird - wenn es sich Saddam nicht noch anders überlegt, was bei ihm immer einzukalkulieren ist - den US-Plänen keine Einigung von UNO und Irak über die Fortsetzung der irakischen Abrüstung im Wege stehen. Eine solche wäre etwa für die Europäer ein ernstes Hindernis, auch nur die Idee eines US-Waffengangs gegen Bagdad zu akzeptieren (abgesehen davon, dass sie letztlich ohnehin nicht gefragt werden). Außer mit der schiefen Optik und rechtlichen Fragen wird sich Washington aber auch mit Szenarien wie möglichen Geiselnahmen von UNO-Personal, wenn dieses erst einmal im Irak ist, befassen.

Die Meldungen, dass die der New York Times zur rechten Zeit - am Höhepunkt der Verhandlungen - zugespielten detaillierten US-Aufmarschpläne am Scheitern der Gespräche in Wien schuld sind, sollte man trotzdem mit Vorsicht genießen. Dass Washington einerseits von Bagdad verlangt, die UNO-Resolutionen zu erfüllen, gleichzeitig aber betont, dass ein etwaiges irakisches Einlenken die US-Umsturzpläne nicht beeinflussen würde, ist längst bekannt, nirgendwo besser als in Bagdad. Das Brainstorming über das Procedere im Fall Irak hat sofort nach George Bushs Amtsantritt begonnen.

Wenn es nur die Störung von außen gewesen wäre, die eine Einigung zwischen UNO und dem Irak torpedierte, hätten sich Sabri und UNO-Generalsekretär Kofi Annan in diplomatisch üblicher Weise zumindest auf Ausstiegsmaßnahmen aus dieser Runde geeinigt: So aber nannten Annan und Sabri keinen Termin für eine nächste Runde, nein, im Gegenteil, sie kündigten an, dass die Gespräche nicht auf demselben hohen politischen Niveau fortgeführt werden.

Falls es der Plan des irakischen Regimes war, die Vereinten Nationen weiter hinzuhalten und dadurch Zeit zu gewinnen, ist er jedenfalls gescheitert. Die Rückgabe von kuwaitischem Raubgut - eine Selbstverständlichkeit - war als Geste völlig unzureichend. Und dass Bagdad keine Antwort auf seine - juristisch nicht unberechtigten, aber falsch adressierten - Fragen (nach der Vereinbarkeit der amerikanischen Drohungen mit den den Irak betreffenden UN-Resolutionen und der Deckung der von den USA und Großbritannien überwachten Flugverbotszonen durch die UNO) bekommen würde, war ebenfalls schon vor den Gesprächen klar.

Annan hatte keinen Spielraum, weil es UN-rechtlich keinen gibt, und Sabri hatte keinen, weil er ihn von Bagdad nicht bekommen hat. Aber wie gesagt, das letzte Wort ist nicht gesprochen: Wenn Saddam Hussein das Gefühl hat, das alte Massenvernichtungswaffen-Suchspiel, das die Welt schon von 1991 bis 1998 gesehen hat, könnte ihm das Überleben erleichtern, wird er es mitspielen.

Momentan fühlt er sich vielleicht angesichts des noch immer nicht beendeten Kriegs in Afghanistan und der Situation in Nahost noch immer zu sicher. Es wäre nicht seine erste Fehlkalkulation. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2002)