Die Affäre um die Aussagen von Ewald Stadler, der zwischen Nazidiktatur und Besatzungszeit durch die Alliierten keinen Unterschied machen will, zeigt einmal mehr die verhängnisvolle Entwicklung für die ÖVP auf: Da mögen VP-Spitzen wie die Generalsekretärin oder der Landwirtschaftsminister noch so oft die skandalöse "Verharmlosung des Nationalsozialismus" (Willi Molterer) durch den freiheitlichen Volksanwalt anprangern. Da mag Maria Rauch-Kallat "überzeugt" sein, dass FP-Chefin Susanne Riess-Passer wissen müsse, was sie jetzt zu tun habe.

Am Grundproblem der Volkspartei ändert das nichts. Sie wirkt - wie seit dem Abschluss des schwarz-blauen Regierungspaktes immer wieder bei freiheitlichen Eskapaden - so seltsam ängstlich gegenüber dem Koalitionspartner. Und vor allem missverständlich gegenüber ihren Wählern. Die Kraftlosigkeit mag vom Umstand herrühren, dass die Kanzlermacht blitzartig wieder verloren gehen könnte, wenn der eigentlich starke Mann der FPÖ, Jörg Haider, seine schützende Hand über der Koalition wegzieht. Dass er es ist, der in kritischen Situationen die Linie vorgibt und nicht die FP-Chefin, das hat Haider auch im Skandalfall Stadler deutlich gemacht: Es gebe nicht den geringsten Grund für Konsequenzen. Der FP-Volksanwalt habe in der Sache ja Recht, sich nur schlecht ausgedrückt.

Zu allem Überdruss hat VP-Chef Bundeskanzler Wolfgang Schüssel fast zeitgleich ein Focus -Interview gegeben, in dem er vor einer Ausgrenzung rechter Wählergruppen warnt; es würde sonst "der Linken dauerhaft die Mehrheitsdominanz erhalten werden". So könnte das auch jeder Freiheitliche gesagt haben. Das Problem der Volkspartei ist, dass sie angeblich fest in der Mitte steht, aber mit der FP immer wieder nach rechts abrutscht. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2002)