Die gewaltsame Verdrängung Österreichs aus Deutschland durch Bismarck, die "kleindeutsche" Lösung bei der Bildung des deutschen Nationalstaates, brachte keine grundlegende Änderung des nationalen Selbstverständnisses der Deutschsprachigen im Habsburgerstaat. "Österreicher" durften sich alle nennen, die im "zisleithanischen" Teil des nun zur Doppelmonarchie gewordenen Reiches lebten. Österreicher zu sein war ein staatsbürgerlicher, kein ethnischer Begriff. Die Volkszählung kannte deutsche, tschechische, polnische, ruthenische, slowenische, kroatische und italienische Österreicher. Das deutsch-bewusste Bürgertum, zu dem sich auch das jüdische Bürgertum bekannte, vertreten durch die liberale Verfassungspartei, beanspruchte bis in die Siebzigerjahre die Leitung im Staat. Die Liberalen und ihre "Judenpresse" wurden von den mit der katholischen Kirche eng verbundenen, patriotisch-habsburgischen Konservativen heftig angegriffen. Die große Wirtschaftskrise von 1873 brachte jedoch den Liberalismus in Misskredit. Die Forderungen der nicht deutschen Nationalitäten führten zur Spaltung der Deutsch-Liberalen: Eine jüngere Generation setzte auf eine kompromisslose deutsche Politik. Das machtvolle Deutsche Reich, in dessen Abhängigkeit Österreich-Ungarn durch seine Bündnispolitik und durch die Wirtschaftskraft des Nachbarn zunehmend geriet, übte auf sie große Anziehungskraft aus. Im sich verschärfenden Nationalitätenkampf ging es ihnen vorweg darum, die deutsche Mehrheit im Staat (durch Abtrennung des polnisch-ukrainischen Galizien) und vor allem die Zugehörigkeit Böhmens und Mährens zu diesem zu sichern. Im Parlament sonderte sich ein "Fortschrittsklub" von den Altliberalen ab. Dem Waldviertler Abgeordneten Georg Ritter von Schönerer war auch dieser noch zu zahm, und er gründete seine eigene Partei. Auch Männer jüdischer Herkunft wie Heinrich Friedjung und Victor Adler hatten den Eindruck, dass hier ein progressiver Weg aus der Versteinerung der Monarchie eingeschlagen würde. Zusammen mit dem (später ebenfalls zur Sozialdemokratie stoßenden) Engelbert Pernerstorfer arbeiteten sie Schönerers "Linzer Programm" aus. Es verlangte u. a. die Beschränkung Österreichs auf jene Kronländer, die vordem dem Deutschen Bund angehört hatten und dort die Einführung von Deutsch als Staatssprache (also auch in Böhmen), die schrittweise Erweiterung des Wahlrechts, eine von konfessioneller Bevormundung befreite Volksschule, eine progressive Einkommens-und eine Luxussteuer, Verstaatlichung der Eisenbahnen und eine Zollunion mit dem Deutschen Reich. Antisemit Schönerer Bald freilich mussten Adler und seine Freunde erkennen, mit wem sie sich eingelassen hatten. 1882, bei der Gründung des "Deutsch-nationalen Vereins", wurde schon der Ausschluss der Juden aus dem Verein beantragt, und 1885 wurde dem "Linzer Programm" ein zwölfter Punkt hinzugefügt: "Zur Durchführung der angestrebten Reformen ist es unerlässlich, den jüdischen Einfluss auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu beseitigen." Schönerer ging auf antisemitischen Kurs, er zerkrachte sich bald mit anderen deutschnationalen Gruppierungen, wurde Vorkämpfer der antikatholischen "Los-von-Rom-Bewegung", gründete eine neue, "Alldeutsche Vereinigung" und sprach sich schließlich für die staatliche Verbindung Österreichs mit dem Hohenzollernreich aus. Er konnte weder eine Massenbewegung auf die Beine stellen noch besondere Wahlerfolge erzielen; seine Zeitung "Unverfälschte deutsche Worte" erschien in einer Auflage von maximal 1700 Stück. Seine Radaupolitik brachte ihn um den Adelstitel und zeitweise ins Gefängnis. Doch mit Schönerer hatte der Antisemitismus in die deutschnationale Bewegung Eingang gefunden, der Bruch mit liberaler Toleranz war perfekt. Lesen Sie morgen: Verschärfung des Antisemitismus (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2002)