Wien/Graz - Warum hat Österreich seit Jahrzehnten keinen Nobelpreisträger hervorgebracht, während die Zahl von US-Laureaten geradezu explodiert und andere kleinere Länder wie Schweiz oder Schweden bezogen auf die Einwohnerzahl immer noch so gut abschneiden wie die USA? Dieser Frage ist der Grazer Soziologe Max Haller nachgegangen. Er hat die Lebensläufe von elf österreichischen Nobelpreisträgern untersucht und systematisch mit jenen von elf österreichischen Wissenschaftern und elf ausländischen Nobelpreisträgern verglichen, die in ausführlichen Interviews befragt wurden. Seine Ergebnisse präsentiert Haller Ende dieser Woche auf dem Weltkongress für Soziologie in Brisbane (Australien).Ausländischen Nobelpreisträger stammen auch auch aus Arbeiter- oder Bauernfamilien Von allen drei untersuchten Gruppen stammen nur die ausländischen Nobelpreisträger zum Teil auch aus Arbeiter- oder Bauernfamilien, während die österreichischen Nobelpreisträger und die befragten heimischen Wissenschafter (v.a. Professoren der Uni Wien und Graz und aus ähnlichen Disziplinen wie die Nobelpreisträger) ausschließlich aus Mittel- und Oberschichtfamilien kommen. "Die enorme Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte hat offenbar nicht zu einer entsprechenden Verbesserung der Chancengleichheit und zur Herausbildung einer neuen Bildungs- und Wissenschaftselite geführt, die jene ersetzen könnte, die Österreich früher einmal besaß", erklärte Haller. Zwei Ursachen Der Soziologe macht dafür zwei Ursachen verantwortlich: zum einen das zweigliedrige Schulsystem, das die Jugendlichen schon im Alter von zehn Jahren in zwei unterschiedliche Zweige (AHS und Hauptschule, Anm.) sortiert. Damit würden aber viele Talente unter jenen ungenutzt gelassen, die nur die Hauptschule besuchen. Zum anderen gebe es unzureichende Bemühungen zur Erkennung und Förderung von herausragenden Begabungen bei den Studierenden. Hier kritisiert Haller vor allem das Fehlen von Programmen für die Doktoranden- und Postgraduiertenausbildung auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Belastung der Hochschullehrer die mit Forschung nichts zu tun haben Weitere Hemmnisse für wissenschaftliche Spitzenleistungen ortet Haller in der internen Organisation der Unis. Der Soziologe nennt vor allem die Belastung der Hochschullehrer mit Aufgaben, die mit Forschung selber nichts zu tun haben, primär durch Verwaltung und Gremienfunktionen. "Das immer noch wirksame, ständisch geprägte Kuriensystem führt nicht nur zu ineffizienten Verwaltungsabläufen, sondern auch zu vielen unnötigen Konflikten, Misstrauen und Spannungen", sagte Haller. Wissenschaftliche Kreativität Aus der Untersuchung zieht Haller auch Schlüsse im Hinblick auf die Rolle von Gesetzgebung und Staat bei der Hochschul- und Wissenschaftspolitik: "Betrachtet man die österreichischen und die ausländischen Nobelpreisträger, so war etwa der Beamtenstatus oder eine ähnlich gut abgesicherte Position in außeruniversitären Forschungseinrichtungen kein Hindernis, sondern sogar förderlich für wissenschaftliche Kreativität." Daraus leitet der Soziologe ab, dass das Universitätsgesetz (UG) 2002 "vielleicht einige richtige Schritte setzt - vor allem jenen zu mehr Autonomie, aber auch sehr fragwürdige Aspekte enthält". Eine Totalreform der Hochschulen, eine Ablösung staatlicher Rahmenverantwortung durch marktähnlichen Wettbewerb zwischen den Hochschulen scheint ihm ein problematischer Weg. Sparen bei den Universitäten war auch in Australien der falsche Weg "Dieser Weg hat sich gerade in Australien als sehr negativ erwiesen", betonte Rudolf Muhr vom Institut für Germanistik der Universität Graz im Zusammenhang mit der Studie von Max Haller. In Australien, wo Muhr mehrmals gearbeitet hat, sei ab Mitte der neunziger Jahre eine Reform eingeleitet worden, die den Unis striktes ökonomisches Denken auferlegt habe: "Das zentrale Maß des Erfolgs ist heute die Anzahl der Studenten, die Zahl der Absolventen und nicht primär das fachliche Niveau der Ausgebildeten oder die Forschungsleistungen", so Muhr gegenüber der APA. Institute, die nicht genug Studenten vorzuweisen haben, würden zugesperrt oder zusammengelegt und die Forscher entlassen. Die Autonomie der Universitäten und die ökonomische Orientierung der Ausbildung stelle sich nach nur sieben Jahren als großer Fehlschlag heraus und habe vergangenes Jahr die Regierung zum Handeln gezwungen. Wissenschaftliche Produktivität legitimieren Muhr zieht aus dieser Entwicklung den Schluss, dass Wissenschafter ihre Tätigkeiten und ihre Produktivität legitimieren müssen. Für den Germanisten ist es aber der falsche Weg, wenn man ökonomische Kriterien als primäre Grundlage betrachtet: "Die Universitäten haben zentrale gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die mit diesem Kriterium nicht erfasst werden, ja sogar zu einem Abbau dieser Funktion führen." Dadurch würden nicht nur die Unis geschwächt, sondern die Gesellschaft als Ganzes, da ihr dadurch wichtige unabhängige Instanzen abhanden kämen und die Ausbildung auf ausschließlich verwertbare Fertigkeiten ausgerichtet werde. Dies wiederum lasse in der Folge die Grundlagenforschung verkümmern. Mehr effektiver Freiraum in der Gestaltung der inneren Struktur Max Haller und Muhr sind der Meinung, dass der einzig sinnvolle Weg zu langfristig positiv wirksamen Reformen der österreichischen Unis darin bestehe, diese schrittweise und in ganz konkreten Teilbereichen zu vollziehen. Dabei müssten auch die Wirkungen früherer Maßnahmen - etwa des Universitätsorganisationsgesetzes 1993 - sorgfältig evaluiert und in die Neuansätze einbezogen werden. Konkret schlagen die beiden Experten die Etablierung professionalisierter Universitäts-Administratoren auf mehreren Ebenen statt der Konzentration aller Entscheidungen nur bei Rektor und Senat, die Etablierung kompetitiver Doktoranden- und Postgraduierten-Studien- und Forschungsprogramme sowie die Beschränkung staatlicher Politik auf Rahmenprogramme, die den einzelnen Universitäten mehr effektiven Freiraum in der Gestaltung ihrer inneren Struktur erlauben, vor. Außerdem sollten Verfahren zum Nachweis der jährlichen Leistungen des wissenschaftlichen Personals, unabhängig von seinem Rang, in Form fachspezifischer Punktesysteme eingeführt werden. Besondere Forschungsleistungen sollten auf dieser Basis honoriert werden, sei es durch das Gehalt, durch die Gewährung von Forschungsfreisemestern bzw. die Reduzierung der Lehrverpflichtungen, meinen Haller und Muhr. Die Studie Hallers über die österreichischen Nobelpreisträger wird Mitte September im Passagen Verlag in Wien unter dem Titel "Kontexte und Karrieren. Österreichs Nobelpreisträger und Wissenschafter im historischen und internationalen Vergleich" erscheinen. (APA)