Friedrichshafen/Berlin - Acht Tage nach dem Flugzeugunglück vom Bodensee sind 47 der 71 Toten identifiziert. Dies teilte die Polizei am Dienstag in Friedrichshafen mit. "Die weitere Identifizierung erfolgt nun mit Hilfe von DNA-Analysen", sagte ein Sprecher. Die Polizei stellte am Montagabend die Suche nach Wrack- und Leichenteilen ein. Die offizielle Trauerfeier des Landes Baden-Württemberg findet am Freitag in Überlingen statt. Unterdessen geht die Debatte über die Verschuldensfrage weiter. Die Hauptschuld an der Kollision der beiden Großflugzeuge über dem Bodensee mit 71 Toten trägt nach Angaben der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit der Pilot der russischen Tupolew. Allerdings gebe es auch schwere Fehler bei der Schweizer Luftfahrtüberwachung Skyguide. Wenn ein Pilot, wie bei der Tupolew geschehen, von seinem bordeigenem Kollisions-Warnsystem TCAS die Anweisung zum Steigflug bekomme, müsse er dieser auch bei einer gegenteiligen Anweisung des Fluglotsen unbedingt Folge leisten, sagte Cockpit-Sprecher Georg Fongern am Dienstag im "Deutschlandfunk". So sei TCAS ausgelegt und nur so könnten die Computer über TCAS in den beiden Flugzeugen vernünftig miteinander kommunizieren. "Und so wird es auch trainiert und so ist auch die Anweisung im Betriebshandbuch. Es gibt da keinen Spielraum. Der Pilot muss sich immer für dieses Gerät entscheiden." Am Montag war bekannt geworden, dass der Tupolew-Pilot etwa 40 Sekunden vor der Kollision mit der Boeing-Frachtmaschine von TCAS zum Steigen aufgefordert worden war. Eine Sekunde danach war er aber vom Fluglotsen zum Sinkflug aufgefordert worden. Nachdem diese Anweisung nochmals wiederholt worden war, hatte der Pilot der Anweisung des Lotsen Folge geleistet. Das TCAS der Boeing hatte aber die Frachtmaschine ebenfalls zum Sinkflug aufgefordert, wodurch die Flugzeuge wieder auf Kollisionskurs geführt wurden und in etwa zwölf Kilometern Höhe zusammenstießen. Er könne sich natürlich wegen der Kürze der Zeit vorstellen, dass es auf Grund der gegensätzlichen Anweisungen große Verwirrung im Cockpit der Tupolew gegeben habe, sagte Fongern. Weshalb es zu dieser Konfusion gekommen sei, etwa durch Defizite bei der Ausbildung und dem Training der Piloten, müsse geklärt werden. "Da muss man fragen, wieso sich der Pilot regelwidrig verhalten hat." Der Lotse bekomme im übrigen die TCAS-Anweisungen an die Piloten nicht mit, betonte der Cockpit-Sprecher. Auch über den Radarschirm sei eine Änderung der Flughöhe nicht sofort zu sehen, da sich das Bild des Radarschirms des Lotsen je nach Anlage nur alle fünf bis zwölf Sekunden erneuere. Allerdings erhalte der Lotse eigentlich die Warnung eines eigenen Gerätes vor einer Kollision. Dies war zum Zeitpunkt der Zusammenstoßes aber abgeschaltet. Auf die Frage, wie er das Unglück bewerte, sagte Fongern: "Das ist aus meiner Sicht eine Riesenkatastrophe. Es kann nicht sein, dass eine Flugsicherungszentrale nur über eine Telefonleitung verfügt, die dann natürlich auch einmal besetzt ist und dann niemand mehr an sie heran kommt. Dass sie sozusagen blind, stumm und taub sind." Am Montag war bekannt geworden, dass die anderen Telefonleitungen aus Wartungsgründen abgeschaltet waren. "Ich hätte so etwas von unseren bislang eigentlich immer sehr gut arbeitenden Schweizer Kollegen nicht erwartet", sagte Fongern. Der Lotse trage sicher eine Mitschuld, aber auch Skyguide müsse kritisiert werden. "Von der organisatorischen Seite her, von der Personalführung, von der Führung dieses Unternehmens bin ich schwer enttäuscht. Und da müssen sicherlich dringend Konsequenzen gezogen werden." (APA/AP/Reuters)