Wien - Die Staatsanwaltschaft Wien hat sich zu einer "Prüfung" der Causa Stadler entschlossen. Eine Entscheidung, ob gegen den FP-Volksanwalt Ewald Stadler im Sinne einer NS-Wiederbetätigung ermittelt wird, soll in den kommenden Tagen getroffen werden, erklärte Otto Schneider von der Staatsanwaltschaft Wien dem STANDARD am Montag. Zu Wochenbeginn sei zudem in St. Pölten eine Anzeige gegen Stadler eingegangen, dessen ungeachtet wäre aber die Staatsanwaltschaft "von sich aus tätig geworden" und sondiere nun das Dokumentationsmaterial gegen Stadler, der unter anderem öffentlich erklärt hatte, Österreich sei nach 1945 "angeblich" vom Faschismus befreit worden. Während SPÖ und Grüne weiter entrüstet auf die Aussagen Stadlers reagiert und dessen Rücktritt gefordert hatten, meldete sich erstmals auch Bundespräsident Thomas Klestil kritisch zu Wort. Klestil erklärte, jede Relativierung des Naziterrors sei "schärfstens abzulehnen". Indessen formierte sich die FPÖ zu einem Schutzwall vor Stadler. Die Parole: Es besteht kein Grund für einen Rücktritt. Parteichefin Susanne Riess-Passer übernahm am Montag - nach Tagen des Schweigens - die Argumentationslinie von Altparteiobmann Jörg Haider und beurteilte die Aussagen Stadlers als "nicht richtig" und "nicht Linie der Partei". Dies sei aber kein Grund für einen Rücktritt. Die FP-Position zum 8. Mai sei klar, es handle sich um jenen Tag, "an dem das Terrorregime des Nationalsozialismus in Österreich beendet wurde". Die Diskussion halte sie für "vollkommen überflüssig, sowohl die Aussagen Stadlers als auch die die hysterischen Reaktionen darauf". Ob Stadler möglicher Spitzenkandidat für die niederösterreichischen Landtagswahl ist, sei derzeit kein Thema. Der steirische Parteichef Leopold Schöggl distanzierte sich ebenfalls ("ein Fall für die Parteigremien", "Ich hätte so etwas nie gesagt"), einen Rücktritt verlangt aber auch er nicht. Klubchef Peter Westenthaler lobte Stadler gar als "lupenreinen Demokraten". Dieser habe sich ausreichend erklärt, eigentlich habe nur die SPÖ Handlungsbedarf, deren Budgetsprecher Rudolf Edlinger mit einem "Sieg Heil"-Ruf im Nationalrat "unangenehm aufgefallen" sei. Leon Zelman, Leiter des "Jewish Welcome Service", erklärte, das alles sei "eine Schande und eine Beleidigung für die Hunderttausenden Überlebenden des NS-Regimes und die Millionen, die nicht überlebt haben". (Peter Mayr/Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2002)