Wien - Entgegen anders lautenden Beteuerungen nimmt die ÖBB den Postbus nun doch genau unter die Lupe. Die Prüfung auf Herz und Nieren läuft jedoch nicht unter dem Titel Due Diligence, sondern unter Fairness-Opinion, verlautet aus gut informierten ÖIAG-Kreisen. Diese "halböffentliche" Prüfung diene der Ermittlung des angemessenen Marktpreises, den die Bahn für den maroden Postbus bezahlen soll. Damit könnte der Kaufpreis in Höhe von 116 Millionen Euro doch noch wackeln, meinen Insider. Zur Erinnerung: Ursprünglich wollte die Staatsholding ÖIAG den Postbus ohne Due Diligence verklopfen und auch die für Verkäufer üblichen Haftungen nicht übernehmen. Da dies vermutlich von Kaufinteressenten als EU-rechtswidrig angefochten worden wäre, habe man sich nun doch entschlossen, dem Käufer ÖBB zumindest eine halböffentliche Prüfung zuzugestehen, heißt es in Bahn-Kreisen. Keine Eile ÖIAG-Sprecherin Viktoria Kickinger bestätigte, dass eine Prüfung durchgeführt werde, am Kaufpreis gebe es jedoch nichts zu rütteln: "Wir verkaufen nicht unter 116 Millionen Euro." Bis Herbst soll geklärt sein, ob die ÖBB kaufen wollen oder nicht. Die ÖIAG habe jedoch keine Eile, der Postbus-Sanierungskurs werde unvermindert fortgesetzt, was den Wert der gelben Busflotte täglich steigere, betonte Kickinger. ÖBB-Sprecher Andreas Rinofner wollte überhaupt keine Angaben machen, man kommentiere laufende Details des Deals nicht. Dem Vernehmen nach wird der Datenraum bei Schönherr Rechtsanwälte (früher Schönherr Barfuss Torggler & Partner, eine im Auftrag der ÖIAG tätige Anwaltskanzlei, Anm.) eingerichtet, Treuhand Partner Austria prüft für die ÖBB. Ein Nachspiel hat indes der zweitägige Postbus-Streik Ende Juni. Morgen, Mittwoch, soll dem Vorstand in einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung "der Kopf gewaschen werden", verlautet aus der Verstaatlichtenholding. Aufsichtsratsvorsitzender Peter Michaelis will von den Postbus-Chefs Wilhelmine Goldmann und Werner Ott detaillierte Auskünfte, warum an die Gewerkschaft für die "Bummelfahrt" über die Ringstraße Postbusse vermietet wurden. Postbus-Chefin Goldmann sieht dies gelassen. Man habe nicht widerrechtlich gehandelt, denn die Gewerkschafter hätten zum Vollkostenpreis angemietet. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe 9.7.2002)