Köln - Für die Beteiligten dürfte es die Höchststrafe gewesen sein: Pünktlich zum Anpfiff des WM-Finales begann mit Apocalipse 1,11 des brasilianischen Teatro da Vertigem aus Sao Paulo eine der relevantesten Produktionen von "Theater der Welt": Als Reaktion auf den Tod von 111 Häftlingen während einer Gefängnisrevolte beschwor Regisseur Antonio Araujo mit verstörenden Bildern die babylonischen Zustände in der brasilianischen Gesellschaft.

Dabei scheute sich Araujo nicht davor, die letzte verbliebene Konvention des Theaters zu sprengen, die des "als ob": Schon der Aufführungsort, die Justizvollzugsanstalt im Kölner Stadtteil Ossendorf, fügte sich in dieses Konzept, die nackte Realität durch ihre Verkleidung besonders grell aufscheinen zu lassen.

Zentrale Figur der Produktion war Johannes der Täufer, der von Station zu Station durch das Gefängnis wanderte. Die biblische "Offenbarung des Johannes" lieferte die Textfragmente. Dass man zunächst Jesus begegnete, war nur die Einstimmung zu orgiastischen Szenen, die fragwürdigerweise in eine tatechte Kopulation mündeten. Danach wurden die Figuren von einer Art Polizei durch dunkle Flure gehetzt, was schließlich in einem gewaltsamen Jüngsten Gericht endete.

"Theater der Welt", der Wanderpokal unter den deutschen Festivals, wird alle drei Jahre in einer anderen deutschen Stadt ausgerichtet. Diesmal fand das Festival gleichzeitig in vier rheinischen Städten statt, in Bonn und Duisburg, Köln und Düsseldorf. Neben dem Kölner Südamerika-Schwerpunkt konnten die Aufführungen zu dem Programmsatz "My biography is invented" überzeugen. Der Schweizer Hans-Peter Litscher etwa präsentierte "Potemkinsche Dörfer"; während einer Rheinfahrt führte er durch eine Ausstellung zu einer grauen Eminenz der Adenauer-Ära, dem Historiker Professor Helbig.

Detailversessen wich Litscher keiner Frage aus, auch wenn Figur und Ausstellung erstunken und erlogen waren. Kleinteiligkeit machte den Charme, aber auch die Problematik des Festivals aus: Dem Wunsch der Kulturdezernenten, das Festival regional aufzusplitten, suchte Kurator Matthias Lilienthal mit zeitlicher Straffung zu begegnen. Doch waren die einzelnen Städte, trotz der Ballung von bis zu über 20 Aufführungen täglich, weit davon entfernt, wie erhofft in einen "Rausch" zu verfallen.

Zudem machte sich das Festival durch ein schlechtes Zeitmanagement der Aufführungen selbst die größte Konkurrenz: Auch mit entsprechender Ortskenntnis war es kaum möglich, mehrere Aufführungen an einem Abend zu sehen. Die vier großen Stadttheater, die Lilienthal zu füllen hatte, blieben dabei allzu leer. Dem Problem versuchte Lilienthal mit renommierten Koproduktionen zu begegnen: Er beteiligte sich an L. King of Pain , Luk Percevals Lear -Paraphrase in Hannover, ebenso wie an Johan Simons Inszenierung von Euripides' Bakchen . Doch da er die Premieren und die damit verbundene überregionale Aufmerksamkeit seinen Koproduzenten überlassen hatte, blieben ihm nur mehr zwei weitgehend verrissene Produktionen. Pech, dass neben Daniel Veroneses missglückten Selbstmordvariationen El Suicido die zweite Großpremiere des Festivals, die Ödipus -Inszenierung des europaweit gehypten Litauers Oskaras Korsunovas, in Duisburg zum Desaster geriet. (STANDARD-Mitarbeiter Rolf C. Hemke/DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2002)