STANDARD: Darf man sagen, "1945 sind wir angeblich vom Faschismus und von der Tyrannei befreit worden und in die nächste Tyrannei geraten"? Mölzer: Prinzipiell darf man eigentlich alles sagen. Das gehört zur Meinungs- und Redefreiheit. Ich kenne die Rede nicht im Wortlaut, aber ich nehme an, dass da doch noch einiges differenziert wurde. Ich selbst sehe die Frage, wann und wie Österreich frei wurde, natürlich auch unterschiedlich. STANDARD: Volksanwalt Ewald Stadler ist mit dieser Aussage also nicht zu weit gegangen? Mölzer: Nein. Dass der Staatsbürger bereits 1934 in seiner Freiheit eingeschränkt wurde, ist klar. Dass diese Unfreiheit noch auf ein schreckliches Maß zwischen 1938 und 1945 gesteigert wurde, bedarf überhaupt keiner historischen Diskussion. Dass es natürlich dann ab 1945 demokratische Wahlen gab, stimmt. Aber: Das letzte Wort hatten damals die Hochkommissare der Alliierten. Wenn, dann hat Leopold Figl Recht: Frei geworden ist Österreich 1955. STANDARD: Sie verstehen also die Empörung über die Aussagen nicht? Mölzer: Von den Grünen und der SPÖ ist das natürlich Oppositionsempörung, die ja fast pflichtschuldigst kommen muss. Das ist eh klar. STANDARD: Also kein Fall für den Staatsanwalt. Mölzer: Ich lebe ja nicht in der Sowjetunion. Der Stadler hat gesagt: Es gab die Tyrannei vor 1945 und dann hat es auch Unfreiheit in der Besatzungszeit gegeben. Das ist eine Binsenweisheit. Worüber soll man sich da empören? STANDARD: Beispielsweise darüber, dass Österreich nur "angeblich" vom Faschismus befreit worden ist. Mölzer: Die Besetzung Niederösterreichs durch die Rote Armee war zwar die Befreiung vom NS-Totalitarismus, aber sie hat doch bitte schön den Menschen nicht die Freiheit gebracht. Das ist ein typisches Beispiel für den denunziatorischen Diskurs, wo man Phrasen aus dem Zusammenhang reißt, um die Leute dann mit der Faschismuskeule niederzuknüppeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2002)