Mit den Gliedern verrenkenden "Self-Unfinished" wurde Xavier Le Roy international bekannt. Neben dieser Arbeit gastiert er in Wien mit "Giszelle".

Foto: © Katrin Schoof
Der Oberkörper knickt nach vorne, das schwarze Oberteil gleitet nach unten. Zwei Hände und zwei Füße bilden die Enden der wie ein U geformten Körpermasse. Oder sind es etwa vier Hände? Oder gar vier Füße? Auf die eigene Wahrnehmung sollte man sich bei Xavier Le Roys den Körper wie ein Stück Knetmasse vorführendem Solo Self-Unfinished nicht verlassen. Der menschliche Körper ist in den Stücken des französischen Choreografen immer weit mehr als er scheint. Er ist Körper und Bild des Körpers zugleich, er präsentiert und repräsentiert, ist ein amorphes Etwas, das sich seiner Einschreibungen bewusst ist. Die von Le Roy in seinen künstlerischen Arbeiten gestellten Fragen sind grundsätzlicher als die vieler seiner Kollegen. Als promovierter Molekularbiologe kam der 1963 Geborene erst im Alter von 27 Jahren zum Tanz. "Man verlangte von mir, Wissenschaft zu produzieren, nicht zu forschen", erläutert er in seiner Performance-Lecture Product of Circumstances einen der Gründe, warum er sich dem Tanz zuwandte. Mittlerweile ist Le Roy einer der führenden Körpertüftler, einer, der theoretische Fragen in die künstlerische Umlaufbahn schickt, der Produktionsbedingungen hinterfragt und Schlagworte wie Fragmentierung oder Autorenschaft thematisiert. Ein besonders ausgetüfteltes Spiel ist etwa die Performance, die auf den Namen des Choreografen hört, als dessen Autor allerdings der mit Le Roy befreundete Jérôme Bel firmiert. Xavier Le Roy von Jérôme Bel ist eine Arbeit von Le Roy, der ein Stück machte, wie er sich dachte, dass Bel es machen würde. Eine Rochade, die sich auf der Bühne fortsetzt: Denn auch hier erweist sich das Solo schlussendlich als Duo. "Die Kunst der Bewegung", schrieb einmal die FAZ, werde bei Le Roy "in eine neue, keineswegs nur körperliche Dimension ausgeweitet." Das im letzten Jahr uraufgeführte Solo Giszelle mag dafür ein weiteres Beispiel liefern: Angehäuft werden Körper-und Bilderklischees, von Michael Jacksons "Moonwalk" bis zum klassischen Sprung im romantischen Ballett. Immer schneller, bis sich die Zeichen nachgerade verflüssigen, wechselt die Tänzerin Eszter Salomon von einer Vignette in die andere. Das im Titel der Arbeit anklingende Spiel mit Roland Barthes S/Z ist programmatisch: Genauso wie der Semiotiker Lesen als einen Akt der Dekomposition präsentiert, in dem man den Spuren anderer Texte folgt, entwirft Le Roy Tanz als ein Geflecht von Bewegungslinien. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, Printausgabe vom 9. Juli 2002)