Rom - Und der Chinese bleibt doch - vorerst zumindest. Ursprünglich hätte Sergio Cofferati heute, Mittwoch, sein Amt als Vorsitzender der mächtigen italienischen Gewerkschaft CGIL zurücklegen sollen. Der Vorstand der Confederazione Generale Italiana del Lavoro hat aber bereits vor einigen Wochen beschlossen, dass Cofferati bis zum Herbst amtieren soll. Der Grund dafür: Der wegen seines asiatisch anmutenden Gesichtes "Il Cinese" genannte Gewerkschaftsboss soll die 5,4 Millionen Mitglieder seiner Organisation durch einen heißen Streiksommer in einen noch heißeren Streikherbst führen.

Bereits am Montag begann die Streikwelle über Italien zu schwappen: Die Fährleute traten in den Ausstand. In den nächsten Wochen will die linksgerichtete CGIL weitere Aktionen setzen (siehe unten stehender Kasten). Laut Gewerkschaftsboss Cofferati ist erneut auch ein Generalstreik geplant.

Grund für die Aktionen ist die Ankündigung der Mitte-rechts-Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, die CGIL aus den Verhandlungen über eine Reform des Sozialwesens auszuschließen. Die Regierung will nur mit den kleineren Gewerkschaften CISL und UIL sprechen, die in der Vorwoche einer Lockerung des Kündigungsrechts - genauer zur Aufweichung des Artikel 18 im Arbeiterstatut - zugestimmt hatten.

Im Gegenzug hatte die Regierung den Gewerkschaften eine Steuersenkung versprochen. Die CGIL allerdings verweigerte die Unterschrift, fordert nun jedoch, an den bevorstehenden Gesprächen zum Sozialstaat beteiligt zu werden. Der Premier und auch Sozialminister Roberto Maroni lehnen das strikt ab.

Streikrekord

Im ohnedies an Streiks gewöhnten Italien ist seit Jahresbeginn wegen der Regierungspläne zur Erleichterung von Kündigungen ein neuer Streikrekord aufgestellt worden: Allein im Transportwesen seien bisher Arbeitsniederlegungen im Volumen von insgesamt 4000 Stunden registriert worden, berichtete das zuständige Infrastrukturministerium. Das ist mehr als im Gesamtjahr 2001. Anfang April fand der erste von allen Gewerkschaften organisierte Generalstreik seit 1982 statt. 15 Millionen Italiener legten ihre Arbeit nieder, in Rom gingen drei Millionen Menschen gegen die Pläne der Regierung auf die Straße.

Am Dienstag trafen einander außerdem Cofferati - der auch als Oppositionschef im Gespräch ist - und die Spitzen der italienischen Linken. Die CGIL und die Opposition planen dem Vernehmen nach, im Herbst auch ein Referendum gegen die Arbeitsrechtsreform Silvio Berlusconis zu initiieren. (dpa, pra/DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2002)