Analysiert man die zahlreichen kritischen Äußerungen zur geplanten Reorganisation der österreichischen Universitäten, dann lassen sich deutliche Eckpunkte der Kritik ausmachen. Stichwortartig ging und geht es vor allem um "Studiengebühren", "Mitbestimmung" und "Kontrolle" (zum Beispiel die Funktion des Universitätsrats). Diese drei Themen betreffen den organisatorischen Rahmen, der geschaffen werden muss, damit der Universitätsbetrieb mit Inhalten gefüllt werden kann. Gerade bei solchen Themen wird routinemäßig entweder für oder gegen eine bestimmte Maßnahme argumentiert, das heißt, auf dieser Ebene lässt sich trefflich streiten. Was etwa die Mitbestimmung betrifft, versteht sich von selbst, dass sowohl ihre Überbewertung wie ihre Unterbewertung für den Universitätsbetrieb schädlich wäre. Meine eigene Erfahrung, in Verbindung mit einem Blick in die Geschichte meiner Universität (Innsbruck), belehrt mich, dass Fehlentscheidungen, Pannen, Ungerechtigkeiten unter dem Banner sowohl des Ordinarienmodells wie des Mitbestimmungsmodells etwa mit gleicher Häufigkeit aufgetreten sind. Während Ersteres - wie ein autoritäres Regime - das Machtstreben einzelner Entscheidungsträger befriedigt und auf die Mehrheit demotivierend wirkt, führt Letzteres zur gegenseitigen Blockierung von Gruppen und zur Paralyse des Systems. Ähnliches gilt für die Studiengebühren: Erhebt man den freien Zugang zur Universität zum obersten Prinzip, dann muss man gegen, folgt man dem Prinzip der Gerechtigkeit, dann muss man für sie sein (denn es ist nicht einzusehen, warum jene sozialen Schichten, die an unseren Universitäten krass unterrepräsentiert sind, für deren Betrieb ebenso viel zahlen sollen wie jene Schichten, die vom Erlangen eines akademischen Grades profitieren). Kurz und gut, in den meisten Debatten zur Lage der Universität geht es um Probleme, für die alternative Lösungen vorliegen. Welche davon bevorzugt werden sollen, hängt von externen Faktoren ab, von weltanschaulichen oder politischen Überzeugungen, über die man bekanntlich endlos streiten kann. Führungskräfte ... Andererseits gibt es ei- nen universitätsspezifischen Problembereich, für den, meiner Meinung nach, bloß eine einzige Lösung relevant ist, und die daher außer Streit gestellt werden sollte: Ich wage zu behaupten, dass weder die Frage der Studiengebühren noch die der Mitbestimmung, noch die der Kontrolle von großer Relevanz für die Beantwortung der Frage ist, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um die wissenschaftliche Ausbildung der Studierenden zu optimieren; das heißt - um ein Schlagwort der gegenwärtigen Bundesregierung zu bemühen -, um eine "Weltklasseuniversität" auf die Beine zu stellen. Gewisse Details der Antwort auf diese Frage mögen diskussionswürdig sein, nicht aber das zentrale Axiom des Forschungs- und wissenschaftlichen Lehrbetriebs, das ich folgendermaßen formulieren möchte: An der Planung der Forschung sowie an der Ausbildung der Studierenden müssen sämtliche Universitätslehrer beteiligt sein - und zwar auf eine Art und Weise, dass das didaktische und wissenschaftliche Potenzial der gesamten Gruppe bestmöglich genützt wird. ... als Lieferanten? Das ist vor allem als Absage an eine hierarchisch aufgebaute Entscheidungspyramide zu verstehen, bei der alle Entscheidungen an der Spitze getroffen werden und die Inhaber untergeordneter Positionen bloß als Datenlieferanten fungieren. Es erscheint mir unumgänglich, dass sowohl der didaktische wie der wissenschaftliche Einsatz an einem Institut von der breitestmöglichen Basis ausgeht. Nur eine "horizontale" Struktur garantiert, dass das latente Potenzial der Mitarbeiter auch tatsächlich realisiert wird. Ich kann nur von der Warte des Vertreters eines vielschichtigen Faches, der Biologie, sprechen, aber dort wäre es gerade in dieser Zeit des rapiden methodischen Fortschritts (Molekularbiologie, EDV, Statistik usw.) absolut sträflich, die Ideen und Fertigkeiten intelligenter Köpfe nicht zu nützen, und die Ansicht zu vertreten, Entscheidungen über Forschungsziele, -prioritäten und -methoden müssten aus Gründen der Ökonomie und Überschaubarkeit in einer einzigen Person oder einigen wenigen Personen konzentriert bleiben. In der gegenwärtigen Situation in Österreich bietet sich eine Chance, mit einer einzigen Maßnahme sowohl die Leistungsfähigkeit von Universitätsinstituten zu erhöhen, als auch das geistige Klima an diesen zu verbessern. Noch dazu mit einer Maßnahme, die kaum zusätzliche Kosten verursachen würde. Ich beziehe mich hier auf die geplante Spaltung der Professorenschaft in die "echten" (früher "ordentlichen") Professoren und die habilitierten Universitätslehrer (die "außerordentlichen" Professoren). Nach den Plänen der Bundesregierung, die morgen auf der parlamentarischen Agenda stehen, soll die zweite Gruppe zwar dieselben Aufgaben haben wie die "echten" Professoren, in ihren Rechten zur Mitsprache und Mitgestaltung aber drastisch eingeschränkt werden: Die habilitierten Unilehrer werden weiterhin dem "Mittelbau" zugerechnet, sie sind nicht in der Professorenkurie vertreten und in den Kollegialorganen, was die Mitbestimmung betrifft, sogar schlechter gestellt als die Studierenden. Eine derartige Abwertung einer ganzen Gruppe von Universitätslehrern, die ja ihre wissenschaftliche Qualifikation durch die Habilitation nachgewiesen hat und aus der letzten Endes die Kandidaten für frei werdende "echte" Professorenstellen zu rekrutieren sein werden, ist international einmalig, sachlich durch nichts zu begründen sowie im Hinblick auf die angestrebte "Weltklasseuniversität" absolut kontraproduktiv. Ich appelliere an die Regierung, die geplante Spaltung der Professorenschaft an den Universitäten nicht zu verwirklichen. Weiters appelliere ich an alle jene Kollegen, die nicht nur "ordentlich", sondern auch vernünftig sind, mich bei dieser Aktion zu unterstützen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2002)