Wer auf der globalen Bühne mit den Mächtigen der Welt per Du verkehrt, so die Botschaft José María Aznars an Opposition und Wähler, scheut daheim längst keine Konflikte. Mit der der größten Regierungsumbildung in seiner sechsjährigen Amtszeit gibt sich der Premier wieder einmal ganz als entschlossener Stratege und als Herr im spanischen Regierungshaus. Komplexe, wie sie dem unsicheren Regierungschef zu Beginn seiner Amtszeit nachgesagt wurden, habe er längst abgelegt, will Aznar mit seinen Personalrochaden signalisieren.So werden auch jene Fotos gedeutet, die der Tageszeitung El Mundo zugespielt worden waren, und die Aznar neben US-Präsident Bush während des G-8-Gipfels in Kanada in entspannter Haltung bei einer Flasche Bier und Zigarre zeigen. Den Hintergrund zu den Schnappschüssen lieferte der Premier persönlich: Bush habe, so Aznar, mit seiner Kilometerzeit beim Jogging geprahlt und die Füße auf den Tisch gelegt, worauf er seine Bestzeit nannte und ebenfalls die Füße hochlagerte: "Einmal sind wir besser als die USA", scherzte Aznar. Bei den sechs Entlassungen zeigte der mit absoluter Parlamentsmehrheit und deutlichem Vorsprung in der Wählergunst ausgestattete Premier keine Scheu vor Konflikten. Ohne Rücksicht auf Interessengruppen innerhalb der eigenen Partei wurde fast die Hälfte der Ministerien Dienstagabend neu besetzt. Mehrere Ressortchefs wurden mit anderen Aufgaben betraut - darunter Außenminister Josep Piqué, der nach der EU-Ratspräsidentschaft ins Wissenschaftsministerium wechselt; das Außenamt übernimmt Spaniens Abgesandte im EU-Konvent, Ana de Palacio. Während man in der regierenden Volkspartei (PP) von planmäßigen Korrekturen spricht, sieht der Chef der sozialdemokratischen Opposition (PSOE), Rodríguez Zapatero, die Regierungsumbildung als "Konsequenz der Misserfolge der Regierung". Aznar sei von den Ereignissen - auch dem Generalstreik vom 20. Juni - "überrollt worden und sucht den Ausweg aus der Krise". Stoff für Spekulationen liefern die neuen Gesichter im neuen Kabinett: Da der Premier an seinem Entschluss festhält, nach zwei Amtsperioden 2004 nicht mehr zu kandidieren, sucht man in den Neubestellungen Hinweise auf mögliche Favoriten im Rennen um die Aznar-Nachfolge. Der Kreis der Spitzenreiter, darunter der weiterhin als Wirtschaftsminister tätige Rodrigo Rato, der zum Vizepremier beförderte Mariano Rajoy und der frühere Innenminister Jaime Oreja, ist durch den vom Justiz- ins Innenressort gewechselten Ángel Acebes und den zum Arbeitsminister bestellten Eduardo Zaplana erweitert worden. Nach dem Vorbild der Regierungsumbildung dürfte den "Thronfolger" aber nicht die PP, sondern Aznar alleine bestimmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2002)