Wien - Es ist ein Unikum in der 25-jährigen Geschichte der Volksanwaltschaft: Die beiden Volksanwälte Peter Kostelka (SPÖ) und Rosemarie Bauer (ÖVP) gehen auf völlige Distanz zu ihrem FPÖ-Kollegen Ewald Stadler - in einer gemeinsamen Erklärung werfen sie Stadler eine "Schädigung der Institution der Volksanwaltschaft" vor und lehnen seine "geschichtlichen Interpretationen" ab. Kostelka kritisiert im Gespräch mit dem STANDARD, dass Stadler im Gegensatz zu ihm und Bauer seine parteipolitischen Funktionen nicht zurückgelegt hat. Man werde die Zusammenarbeit auf das "verfassungsrechtliche Mindestmaß" reduzieren. Die Konsequenzen müsste der Freiheitliche selbst treffen, immerhin habe er "sich so im niederösterreichischen Vorwahlkampf positioniert". Bauer, selbst Niederösterreicherin, sagt zum STANDARD: "Er führt Wahlkampf. Das ist ganz klares Kalkül", fordert Bauer von Stadler "die Anständigkeit, als wahlkämpfender FP-Mandatar keine Niederösterreich-Fälle als Volksanwalt zu prüfen". Deutlich distanzierte sich auch Kunststaatssekretär Franz Morak (VP) von "Wiederholungstäter" Stadler. Dessen Geschichtsbild sei "nicht hinnehmbar". Das Parlament solle sich eine neue Regelung zur Unabsetzbarkeit der Volksanwälte überlegen. VP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat meinte, Stadler ginge es um "Provokation". Stadler selbst hat am Mittwoch sein Geschichtsbild verteidigt. Den Vorwurf, die Besatzungszeit nach 1945 mit der NS-Zeit gleichgesetzt zu haben, sei eine "infame und niederträchtige Unterstellung", das Naziregime "in der Geschichte einmalig", "die Millionen Opfer eine Mahnung für alle Zukunft". Es habe aber auch Opfer in der Besatzungszeit gegeben. Stadler schlug die Einsetzung einer Historikerkommission vor und forderte symbolische Wiedergutmachung. Seine Kritiker würden sich indes "bis auf die Socken" blamieren, meinte Stadler. Die Aufforderung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (VP), sich an den Grundkonsens der Zweiten Republik zu halten, wies Stadler zurück: Einen politischen Grundkonsens an die Stelle von historischen Fakten zu setzen "wird es nicht spielen". Bundespräsident Thomas Klestil wurde mit einem offenen Brief Stadlers bedacht, indem der Volksanwalt Klestil nach dessen "Ermahnung" vorwirft, es sei von diesem "unverzeihlich", dass er jeden Hinweis auf die vielen Opfer von Mord, Verschleppung und Vergewaltigung während der Besatzungszeit vermissen habe lassen. Parteikollegen Karl-Heinz Grasser, der Konsequenzen gefordert hatte, ließ der FP-Volksanwalt wissen, er sei froh, dass "wir so einen feschen Finanzminister haben". Die Grünen beantragen eine Sondersitzung des Nationalrats zur Causa Stadler. (nim, pm/DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2002)