Graz - Wer es auch dem ahnungsvollsten Blick auf das, dem gängigen Zeitmaß geschuldet, geruhsame Zeigerspiel am Schlossberg nicht entnehmen konnte, wird ausgerechnet im Grazer Stadtpark eines Besseren belehrt. Justament dort, wo sich die letzten Hitzeresistenzen idyllebotmäßig geschlagen geben müssen, erfährt er die froh-erfrischende Kunde: Graz eilt voraus! Zumindest bis 2003.

Kein ob Hummelstich grimmig schnaubender Ferdinand prescht hier durch leis' umsummtes Blumenmeer. Vielmehr wohlgeschnürt ist das Gepäck, mit dem man sich, den zahmen Stier geschultert, auf die Reise zu den Kampfarenen der Kulturhauptstadt begeben will, denn eine Ausstellung im Forum zeigt nun fürs Erste, was man sich unter heimatlicher Kunstproduktion vorzustellen hat:

Tachistisches, fügsam zur Landschaft geordnet, Post-it-Didaktisches, verklebt in schmaler Reihe, Dokumentarisches zur Aufarbeitung der Vergangenheit, privat Codiertes, sonst wie politisch Engagiertes, Fotografiertes, Karikierendes und Collagiertes, fein Gepinseltes und Projiziertes, Sperriges und Unauffälliges, kinetisch Leuchtfarbiges und Minimalistisches, Prozessuales, Intermediales, Aufgeblasenes, Verdrehtes, von der Decke hängend, am Boden, an den Wänden, über und über, drunter und drüber, kreuz und quer, von 127 Künstlern etwas, wunderkammerähnlich zusammengepfercht mit dem Anspruch einer Bestandsaufnahme.

Der heuristische Mehrwert des gezeigten Sammelsuriums bleibt unzweifelhaft: Danach weiß jeder, welch Blüten alle den beiden Kuratorinnen (Sandra Abrams und Ruth E. Horak) sympathisch sind. Das rote Tuch weht von woanders her: virtuell, versteht sich.

Unter die sonst meist aus hirschhornknopfbewehrten Ärmeln immer hektischer geschüttelten Ideen, wie in Graz, zur endgültigen Domestizierung heimischen Kulturanspruchs, Budget dazu gebracht werden kann, sorglos die Mur hinabzufließen, mischt sich nun endlich auch Rückbesinnung auf des Steirerherzen liebstes Exportgut.

Geht es nach den Vorstellungen der beiden Moskauer Künstler Aristarkh Chernyshev und Vladislav Efimov, soll ein 25 Meter hoher Termi- nator den Denkmalsbestand des Stadtparks bereichern. Ein erster, vom Forum Stadtpark zur Diskussion gestellter Entwurf verspricht immerhin, allen landeshauptmännlichen Dirndlmoden-Attacken Konterkarierung im Rahmen einer eventuellen Enthüllungszeremonie zu bieten.

Im Übrigen wirkt der stahlharte Ritter trotz postfuturistischen Roboterdesigns wenig terminierend nach außen hin. Etwaig angedachte Gewalt gegen Serge Spitzers Rostnagel wird er schuldig bleiben müssen, und die Welt, die er in betagter Atlanten Manier nach Graz zu tragen hat, wiegt ihm sichtlich schwer - welch fabelhaft präzise, blindschussscharfe Analytik der Verhältnisse vor Ort!

Nachsatz: Die Installation Children are a Gift from God der Gruppe "cooks of grind" wurde von unbekannten Tätern beschädigt. Es wurde Anzeige erstattet. Bis 19. 7. (Ulrich Tragatschnig/DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2002)