Erwin Ringel wurde nicht müde, uns zu ermahnen, wir sollten nichts verdrängen und unseren Problemen offen in die Augen sehen, - auch wenn diese nicht immer solche haben. Viel genützt hat es nicht. Wir Österreicher brauchen halt unsere kleinen Lebenslügen.

Was hätte doch aus jedem von uns werden können! Aus der einen eine große Sängerin, wenn es der Papa erlaubt hätte. Aus dem anderen ein brillanter Politiker, wenn die Alten den Nachwuchs nicht niedergehalten hätten.

Oder ein Nobelpreisträger vielleicht gar, aber da kam dann das Kind, und es hieß, Geld verdienen. Wo man hinschaut, nichts als Genies, die es aus Fremdverschulden zu nichts gebracht haben.

Und wehe, einer untersteht sich, das kostbare Geschichtchen auch nur im geringsten anzuzweifeln, das wir uns im Lauf der Jahre und Jahrzehnte so penibel zurechtgebastelt haben. Und dass wir es tatsächlich schon selber glauben.

In unserer liberalen Zeit kann man ja wirklich über vieles reden. Das Einzige, was noch tabu ist und es wohl auch immer bleiben wird, sind die großen und kleinen Unwahrheiten, mit denen wir allfällige Risse in unserer bescheidenen Biografie fürsorglich zuspachteln.

Was für den Einzelnen gilt, das gilt natürlich auch für das Kollektiv. Und hätte der widerwärtige rhetorische Untergriff eines erstaunlicherweise noch immer im Amt befindlichen Volksanwaltes nicht an die sakrosankteste Lebenslüge der zweiten Republik gerührt, weiß ich nicht einmal, ob die Wogen der nicht einmal sehr allgemeinen Empörung überhaupt so hoch geschlagen hätten, wie sie dies gegenwärtig tun.

Denn die De-facto-Gleichsetzung des Naziregimes mit der Besatzungszeit ist bei aller Kenntnisnahme der eklatanten und beinah kriminellen demagogischen Absicht historisch so absurd, dass kaum zu befürchten steht, sie würde von jemandem ernst genommen.

Wie immer dies gemeint sein mochte, in der zur Debatte stehenden Äußerung des Volksanwaltes heißt es aber auch, Österreich sei "angeblich" befreit worden.

Und, was unsere Befreiung anlangt, verstehen wir natürlich keinen Spaß. Zumal ja alles rechtens war: Als der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende ging, war Österreichs "provisorische Staatsregierung" gerade 18 Tage jung. Aber alt genug, um sich befreien zu lassen.

Dieses politische Meisterstück des vormaligen Hitler-Sympathisanten Karl Renner sollte aber doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Österreichs Opferdasein während des Tausendjährigen Reiches doch ein sehr relatives war.

Dass es die nachmaligen Opfer schon im Februar 1938 gar nicht erwarten konnten, unterjocht zu werden, und am Rathaus von Graz, der "Stadt der Volkserhebung", die Hakenkreuzfahne hissten.

Und dass nach dem Anschluss, für den die Opfer mit überwältigender Mehrheit votierten, der aus Österreich gebürtige Tyrann am Heldenplatz von 250.000 seiner Opfer gefeiert wurde.

Es wäre auch daran zu erinnern, dass in den späten Apriltagen des Jahres 1945, als Karl Renner seine Regierung bildete, in Mauthausen noch fleißig gemordet wurde. Und mancher, der es in der Öffentlichkeit wagte, am Endsieg zu zweifeln, fürchten musste, von korrekten Ostmärkern und späteren Befreiten bei der Gestapo denunziert zu werden.

Daher, bei allem Respekt für den völkerrechtlichen Feinschliff unserer Befreiung: Wir haben als politische Paradelemminge in erster Linie einen mit allen Regeln der medialen Kunst vorbereiteten brutalen Angriffskrieg verloren.

Und dürfen uns nicht wundern, wenn sich einige unserer Befreier wie Sieger fühlten. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2002)