STANDARD: Bei Psychotherapie denken Menschen oft noch immer an die Couch als Symbol der Therapie. Was hat sich seither getan? Pritz: Ich weiß nicht, wie viele Patienten Psychotherapie heute noch mit der Couch assoziieren. Viele verbinden Psychotherapie mit einer besonderen Beziehung und nicht mit dem Couch-Setting. Die meisten Therapien, ich schätze 90 Prozent, sind ja auch ein Vis-à-vis-oder Gruppengespräch. Bis in die 50er-Jahre stand die Frage der Methode im Vordergrund. Seit den 50er- und 60er-Jahren ist immer mehr die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten in den Mittelpunkt gerückt. STANDARD: Hat das Gespräch die Couch als Methode der Psychotherapie abgelöst? Pritz: Sicherlich. Die Interaktion steht im Vordergrund, und man hat sehr genau erforscht, welche Eigenschaften der Psychotherapeut haben muss, damit er dem anderen hilfreich ist. Jetzt ist die "Forschungsfront", dass man oft nicht genau bestimmen kann, ob ein bestimmter Patient von Psychotherapie profitieren kann, unabhängig vom Therapeutenverhalten. STANDARD: Das heißt, Psychotherapie ist nur für bestimmte Personen geeignet? Pritz: Nein, die Frage ist, ob es bestimmte Eigenschaften aufseiten des Patienten gibt, die es ihm ermöglichen, mehr von der Therapie zu profitieren oder überhaupt etwas herauszuholen, weil es natürlich auch immer wieder Rückschläge gibt. STANDARD: Wenn jemand solche Eigenschaften nicht hat, lässt sich das mit einer Resistenz gegenüber Antibiotika vergleichen? Pritz: Sozusagen, wenn man das bildlich so versteht. STANDARD: Was ist mit den Menschen, denen Psychotherapie nicht nützt? Pritz: Da muss man andere Möglichkeiten heranziehen. Die Möglichkeiten beantworten in der Regel die Patienten, indem sie die Psychotherapie probieren und sagen, "das ist es nicht" und sich anderen Heilungsformen zuwenden. Man darf nicht übersehen: Der Steuermann des Gesundheitswesens sind auch die Patienten, die sagen, "das mach ich, das mach ich nicht". Erfreulicherweise gibt es zunehmend ein Bewusstsein darüber. STANDARD: Psychotherapie hat in den letzten Jahren viel Konkurrenz durch moderne Psychopharmaka bekommen, vor allem Antidepressiva wie Prozac. Ist das eine Konkurrenz oder Unterstützung? Pritz: Die öffentlichen Kassen geben derzeit 100 Millionen Euro für Medikamente und 17 Millionen Euro für Psychotherapie aus. Das hat mit Werbung und nicht unbedingt mit Wirkung zu tun. Phasenweise und in bestimmten Bereichen sind Medikamente durchaus sinnvoll, bei wenigen Prozent der Patienten auch über längere Zeit notwendig - aber sie rechtfertigen nicht die Heilserwartung, die in sie gesetzt wird. Bei der Therapie, die so sehr die Entwicklung des Subjekts betont, tut man sich schwerer - es gibt weniger Einsicht, dass es sich um etwas Wertvolles und in vielen Fällen auch um etwas Lebensrettendes handelt. STANDARD: Haben sich nicht nur die Methoden, sondern auch die Störungen geändert? Pritz: Ich glaube, dass die Neurosen, wie sie Freud beschrieben hat, nicht in ihren Symptomen, aber ihrem Wesen nach weiterhin eine epidemische Seuche darstellen. Das Ausmaß an Angst und Depressivität ist trotz relativen Reichtums in unserer Gesellschaft sehr hoch. Wir haben so viele Selbstmorde, dass sich jedes Jahr in Österreich ein Dorf von 1500 Einwohnern ausrottet. Das finde ich skandalös, dass da so wenig passiert. Hier muss und kann etwas getan werden, nur sind Parteien oft schwer zu bewegen, weil es keine attraktiven Themen sind. Es gibt Beispiele wie in Nürnberg, wo auf breiter Ebene eine Kampagne zur Selbstmordverhütung gemacht wurde - die Selbstmorde sind auch tatsächlich gesunken. STANDARD: Die neurotischen Störungen sind also dieselben wie zu Freuds Zeiten, nur ihr Ausdruck ist ein anderer? Pritz: Es gibt heute ein anderes Wort für Hysterie: Heute sagt man Panikattacke - das ist völlig dasselbe, was Freud mit Hysterie beschrieb, eine Angstneurose. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 7. 2002)