Es sei einer der bewegendsten Momente in ihrem Leben gewesen, schrieb Chang Sang (62) vor zwei Jahren, als sie im Geleit von Präsident Kim Dae-Jung als Vertreterin der südkoreanischen Frauen am historischen Gipfeltreffen in Pjöngjang teilnehmen durfte.Damals führte sie als Rektorin der Ehwa-Universität, der ältesten südkoreanischen Frauenuniversität, mit Schwestern von nordkoreanischen Frauenorganisationen lange Gespräche und kam zum Schluss, dass "die Frauen eine Schlüsselrolle für die friedliche Vereinigung der beiden Länder übernehmen" müssen. Chang Sang gab unverhohlen zu, dass dabei auch persönliche Gefühle mitspielten, weil ihre Familie ursprünglich aus der Stadt Yongchon in der nordkoreanischen Provinz Pjongan stammte. Schade ist, dass die promovierte Philosophin nicht schon vor zwei Jahren für das Amt der Premierministerin vorgeschlagen wurde. Das hätte ihr nämlich etwas mehr Zeit gegeben, um ihre Visionen als Frauenförderin und Verfechterin der Entspannungspolitik im zweithöchsten politischen Amt des Landes umzusetzen. Nun muss sie sich, falls sie überhaupt bestätigt wird, wohl mit einer Amtsdauer von sechs Monaten begnügen, da im Dezember die Neuwahl der/s Präsidentin/en bevorsteht und die Opposition mit großer Wahrscheinlichkeit an die Macht gelangen wird. Chang Sang übernähme das zeremonielle Steuer eines sinkenden Schiffes, spottete indes ein Kollege an der Seoul-Universität. Politische Schwergewichte in der Regierungspartei wollten sich vor dem entscheidenden Wahlgang im Dezember nicht mehr verheizen lassen. Frau Professor Chang Sang sieht das bestimmt anders. Schließlich scheute sie sich nie vor unbequemen Herausforderungen in der konfuzianisch geprägten Männergesellschaft Südkoreas. Sie wählte schon als 20-Jährige Mathematik zum Hauptfach, reiste später als eine der ersten südkoreanischen Studentinnen an die Yale-Universität in die USA, wo sie sich das Lizentiat in Theologie erwarb und darauf an der Princeton-Universität in Philosophie promovierte. Mit 38 Jahren begann sie ihre Lehrtätigkeit als Professorin an der Ehwa-Universität in Seoul, leitete die Abteilung für Kulturwissenschaften und wurde 1996 als erste Frau (verheiratet und Mutter von zwei Söhnen) zur Universitätsrektorin gewählt. In den vergangenen sechs Jahren verwandelte sie die etwas verschlafene Lehrstätte zu einer Topuniversität Südkoreas, die die Förderung von Frauen in Hightechunternehmen und Managementstellen zur Priorität erhob. Die Ernennung zur Premierministerin ist eine Belohnung für diese Reformarbeit und ein Zeichen für die südkoreanischen Frauen, dass es Zeit ist, traditionelle Männerbastionen zu stürmen. (André Kunz, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 12.7. 2002)