Moskau - Das gegen den russischen Schriftsteller Wladimir Sorokin eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Pornografie ist in der Öffentlichkeit auf Kritik gestoßen. "Wenn man bei uns damit anfängt, Schriftsteller wegen ihrer Werke zu verfolgen, dann ist das ein gefährlicher Präzedenzfall", zitierte die Zeitung "Iswestija" am Freitag Kulturminister Michail Schwydkoj. Am Vortag hatte die Moskauer Staatsanwaltschaft das Verfahren nach einer Anzeige einer Kreml-treuen Jugendorganisation eingeleitet. Der 46-jährige Postmodernist Sorokin sieht sich einer Hetzkampagne konservativer Kreise ausgesetzt. "Diese Sache ist vielleicht der Anfang einer Säuberung nicht nur der Literatur, sondern der Kultur insgesamt", sagte Sorokin in einer ersten Reaktion. In dem auch auf Deutsch erschienenen Roman "Der himmelblaue Speck" lässt sich Sorokin unter anderem über den Intimverkehr geklonter Sowjetführer miteinander aus. "Damit hat die Macht einmal mehr gezeigt, dass sie ohne jegliche Beweise alles auf den Kopf stellen kann" Seit Jahren zählt Sorokin zu den umstrittensten Gegenwartsautoren in Russland. "Solche Sorokins erziehen heutzutage unsere Skinheads, die dann Gewalttaten verüben", sagte der Duma-Abgeordnete Gennadi Raikow. Der Autor solle sich dringend an einen Psychiater wenden, das Verfahren gegen ihn sei richtig, meinte Raikow, der die regierungsnahe Abgeordnetengruppe "Volksdeputierter" anführt. Dagegen bewertete die Schriftstellerin Tatjana Tolstaja das Verfahren als einen Anschlag auf die Freiheit des Wortes. "Damit hat die Macht einmal mehr gezeigt, dass sie ohne jegliche Beweise alles auf den Kopf stellen kann", kommentierte die Zeitung "Wremja MN" die Entscheidung der Justiz. Wer den Stein ins Rollen brachte Die Strafanzeige gegen Sorokin stammte von der Kreml-treuen Jugendbewegung "Gemeinsamer Weg", die bereits Ende Juni bei einer Kundgebung "für die körperliche und geistige Gesundheit" der Bevölkerung die Werke Sorokins kritisiert und seine Bücher öffentlich vernichtet hatte. (APA)