Wien - Die Drohung der Grünen, die Parlementssession um eine Sondersitzung zu verlängern, hat gewirkt: Zwar wurde die Sondersitzung zu den umstrittenen Äußerungen von FP-Volksanwalt Ewald Stadler abgeblasen, dafür aber bereits Donnerstagabend - im Rahmen einer Unterbrechung der "normalen" Tagesordnung - gestritten.Wie berichtet, hatte Stadler bei einer Sonnwendtfeier gesagt, er wolle nicht beurteilen, ob der Nationalsozialismus oder die Besatzungszeit schlimmer gewesen sei. SP-Chef Alfred Gusenbauer zeigte sich in der im Anschluss an die Kanzler-Erklärung abgehaltenen Debatte "erschüttert", Stadler als Volksanwalt sei unerträglich. SP-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl forderte Vizekanzlerin und FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer auf: "Stoppen Sie endlich den rechten Gesinnungstäter in Ihren Reihen." VP-Klubobmann Andreas Khol betonte, Stadlers Rede mit der "Gleichsetzung einer Tyrannei in die andere, hätte nicht gehalten werden dürfen". Aber man solle Stadler die Chance geben, Fehler zu korrigieren. Der Grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen zeigte sich enttäuscht, dass Schüssel zu Stadler nicht direkt Stellung genommen habe. Er fragte sich, "ob Schweigen wirklich Verantwortung ist". Die stellvertretende Klubobfrau Madeleine Petrovic warf Stadler vor, "immer wieder das NS-Regime zu bagatellisieren". FP-Klubchef Peter Westenthaler wiederum verwies auf Stadlers "lupenreines Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaat". Kritik an Stadler gab es auch außerhalb des Hohen Hauses. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, forderte, Zuständigkeiten in der Volksanwaltschaft zu überdenken. Viele Gemeindemitglieder hätten kein Vertrauen mehr zu Volksanwalt Stadler mehr. Oberrabbiner Moishe Ayre Friedman, der seit längerem eine zweite Kultusgemeinde errichten will: der Angriff gegen Stadler sei "ungerechtfertigt". Auch herrsche bei der Beurteilung des Zweiten Weltkriegs eine "verzerrte Sicht der Dinge".(APA, pm/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2002/red)