Im Weltbild Adolf Hitlers kulminierte, was sich an der Wende zum 20. Jahrhundert in der Habsburgermonarchie an Nationalitätenhass zusammengebraut hatte. Das deutschsprachige Bürgertum sah seine Vorrangstellung durch die slawische Mehrheit bedroht, den "Dienstbotenvölkern" wurde "germanische" Überlegenheit entgegengehalten. Der deutsche Nationalstaat, für den der großsprecherische Kaiser Wilhelm II. Weltgeltung verlangte, wurde für den Deutschnationalismus Vorbild. Antisemitismus und Slawenverachtung gingen in für skurril gehaltene Theorien eines weltweiten "Rassenkampfes" ein, wie sie der verhinderte Maler Hitler in Wien in den "Ostara"-Heften des entlaufenen Mönches Lanz "von Liebenfels" (er war kein Adeliger) lesen konnte. Der Beginn des Ersten Weltkrieges war von Hassorgien (auch namhafter Literaten) gegen die Feinde und von deutschnationalen Ausbrüchen selbst sozialdemokratischer Journalisten begleitet. Hitlers konsequenter Weg führte von der Flucht vor der k.u.k. Rekrutierung zur begeisterten Freiwilligenmeldung in die deutsche Reichsarmee. In dem dann von der Niederlage maßlos enttäuschten Gefreiten reifte die Vorstellung einer gewaltsamen Revision; eine verhängnisvolle Entwicklung ließ ihn zur Vollstreckung antreten. "Der Nationalsozialismus ist jene Bewegung, die das preußische Schwert der österreichischen Narretei zur Verfügung gestellt hat", beschrieb der Soziologe August M. Knoll diese Verbindung, die es als keinen Zufall erscheinen lässt, dass es ein Mann aus Österreich war, dessen verbrecherischer Wahn millionenfachen Tod über ganz Europa brachte. Nachdem der Westen den Vertragsbruch der Rheinlandbesetzung hingenommen hatte, wurde Österreich Hitlers nächstes Aggressionsziel. Die Ständestaat-Regierung hatte sich mit der gewaltsamen Ausschaltung der Sozialdemokraten im Februar 1934 die potenziellen Bundesgenossen gegen Hitler zu erbitterten Gegnern gemacht und sich damit auch der Sympathien der westlichen Demokratien beraubt. Die österreichischen Nazis suchten mit Terrorakten und dann mit dem Putschversuch vom Juli 1934, dem Kanzler Engelbert Dollfuß zum Opfer fiel, die Regierung zu Fall zubringen. Aber als infolge von Mussolinis Abessinienabenteuer der italienische Schutzherr wegfiel, begann sich das Regime mit Berlin zu arrangieren. Die Massenarbeitslosigkeit trug stark dazu bei, dass die Agitation der illegalen NSDAP und die deutsche Propaganda bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fiel. Die illegale SA bekam Zuwachs aus Schichten, die keineswegs nur dem deutschnationalen Sockel der Burschenschaften und rechtsextrem-demokratiefeindlicher Gruppen angehört hatten. Die Exzesse von Demütigung, Raub und Gewalt, die die Juden in Wien und anderen Städten im März 1938 erdulden mussten, zeigten, welch niederen Instinkten der Nationalsozialismus - jenseits allen Deutschnationalismus - freien Raum ließ. Die Österreicher, die bis dahin von den Bekundungen aller gesellschaftlich relevanten Gruppierungen nichts anderes gehört hatten, als dass sie Deutsche seien, wurden gefragt, ob sie für die "Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" und für Adolf Hitler waren; das "Ja" konnte also nur im Paket abgegeben werden. Um ganz sicherzugehen, arbeitete nicht nur die Nazipropaganda auf Hochtouren; auch waren die 200.000 Juden und dazu 177.000 "Mischlinge" von der Abstimmung ausgeschlossen und 70.000 vermutete Nazigegner bereits vorsorglich inhaftiert worden. Die Wähler folgten prominenten Befürwortern des "Ja": den österreichischen Bischöfen mit Kardinal Innitzer an der Spitze und dem Sozialdemokraten Karl Renner, der in einem Zeitungsinterview sagte: "Obschon nicht mit jenen Methoden, zu denen ich mich bekenne, errungen, ist der Anschluss nun vollzogen, ist geschichtliche Tatsache, und diese betrachte ich als wahrhafte Genugtuung für die Demütigungen von 1918." Fast 100 Prozent Das 99,73-Prozent-Ergebnis war sicherlich fallweise auch Ergebnis des Drucks, der insbesondere in kleinen Orten für eine "offene Abstimmung" ausgeübt wurde, aber zu einem viel beträchtlicheren Teil Folge der deutschnationalen Prägung, die die Menschen in den Jahren der Republik - über die Parteigrenzen hinaus - erfahren hatten. Oder, noch einfacher, wie es ein Arbeiter "danach" ausdrückte: "Wir waren überzeugt, schlechter kann's nimmer kommen." Was sich freilich bald als verhängnisvoller Irrtum herausstellen sollte. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 2002)