Hamburg - Der amerikanische Friedensnobelpreisträger und Autor Elie Wiesel übt scharfe Kritik an Martin Walser. "Wenn er das soziale Gewissen des gegenwärtigen Deutschland sein soll, dann wehe seinen Lesern", erklärt Wiesel in der Online-Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". In seiner Erklärung stellte Wiesel am Freitag klar, dass seine Entscheidung gegen Walsers Vorwort für die deutsche Neuausgabe seines Buches "Die Nacht. Erinnerungen und Zeugnisse" (Herder Verlag, Frankfurt/M.) bereits vor dem Streit um Walsers neuen Roman gefallen sei. Wiesel habe sich schon nach Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche vom Oktober 1998 und dessen "unwürdigen Bemerkungen über den Holocaust" dazu entschlossen. Walsers Äußerungen hätten ihn bestürzt "und viele Juden empört", sagte Wiesel der "Zeit". Er wirft Walser vor, dem "Zeitgeist einer Geringschätzung der Erinnerung" nachzugeben anstatt ihn zu bedauern. Das Buch des Amerikaners ist jetzt in der fünften Auflage erschienen und gilt als eindrucksvolles Zeugnis der Holocaust- Literatur. Ein Vorwort von Walser hatte die deutsche Erstausgabe seit den 60er Jahren eingeleitet. Auf Wunsch Wiesels ist die neue Auflage mit einer Vorrede des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Francois Mauriac (1885- 1970) herausgekommen. (APA/dpa)