Andres Serrano/rtmosphere Galerien GmbH

Nach der Eröffnungsausstellung "Made in America", einer kleinen käuflichen Geschichte der Pop-Art, gibt Artmosphere im Wiener Palais Kinsky nun Einblicke in "A History of Sex". Der Geschichtenerzähler ist Andres Serrano, und der weiß auch von "Piss Pope" und "Piss Elegance" zu berichten, von "Yellow-" wie "Red River", von "Frozen Sperm", "Semen & Blood", "The Church" und vom "Viginian Dragoon" hinter dem sich eine 44er Magnum verbirgt.

Zwischen 1988 und 2001 hat Andres Serrano diese Momente in Auflagen von vier bis zehn Stück festgehalten. Ihr Erscheinen hat meist für Aufregung gesorgt. Von Blasphemie war die Rede, von Pornografie, von gestörter Totenruhe. Die großformatigen Farbfotos des 1950 geborenen New Yorkers wirken weit über die Kunstszene hinaus.

Und dabei zeigt Serrano nichts ungewöhnliches. Und er zeigt es den verbreiteten Sehgewohnheiten entsprechend: gekonnt inszeniert, perfekt ausgeleuchtet, das Detail mit der Totale gleichgestellt. Er zeigt, dass auch mürbes Fleisch Sex will, er zeigt, dass es weit mehr als nur eine Praxis gibt, die Mission Sehnsucht zu unternehmen, er zeigt - nicht anders als eine Ahnengalerie von Michelangelo bis Peter Greenaway vor ihm - dass auch der tote Körper eines ästhetischen Blicks würdig ist. Und: Er pflegt - wie auch schon unzählige Vertreter der Kunstgeschichte vor ihm - einen tief emotionalen Umgang mit Körpersäften. Blut, Milch, Sperma, Urin: Allesamt Säfte, die seit Jahrtausenden zentral ins Bild gesetzt werden: Maria lactans, der Hl. Sebastian, Andrea Mantegnas Studien perpektivischer Verkürzung am kalten Leib Christi. Und: Sperma wird in abermillionen von "Cum-Shots" ebenso seit Jahrzehnten so lust- wie kapitalträchtig "gefroren", wie auch der erregungsdienliche Gebrauch von Urin unedliche Pixelweiten füllt.

Was also ist anders an den Bildern Serranos, was teilt ein für kunstbegriffe riesiges Publikum so explizit? Andres Serrano ist passioniert neugierig: "In my work I always seek the unusual, or at least what is not traditionally considered beautiful. In my work I try to find the normal in the strange, and vice-versa" Und das beinhaltet, dass Schönheit, Szialkritik, Teilhabe und Voyeurismus in Eins zusammenfallen, woraus sich eine ungemein dichte Mehrdeutigkeit ergibt, die Anzunehmen schon eine sehr große Bereitschaft voraussetzt, diese Arbeiten einfach Wirken zu lassen. Wem es daran mangelt, der packt dann eben die Blasphemiekeule aus, oder stößt sich an den blühenden Pickeln am soeben gefisteten Hintern.

Das Publikum, Serranos Arbeiten auch zu kaufen, scheint selbst im notorisch des Sammlermangels bezichtigten Österreich, vorhanden. Eine der teuresten Arbeiten der Schau, "Piss Elegance" aus 1987 wechselte für 48.300 Euro den Besitzer. Von "Semen Blood II" konnte ließ sich um 11.500 Euro ein Wiener Arzt begeistern.

Nach der qualitätvollen und auch kommerziell erfolgreichen Pop-Art-Präsentation mit der Artmosphere (Laurence und Alfred Koblinger, Merit Einwaller und Rudolf Budja) ihre Wiener Galerie (neben Geschäften in Graz, Salzburg und New York) eröffnete, ist das umso mehr erfreulich, als mit der Ausstellung Andres Serrano ein Schritt vom klassischen Kunsthandel in Richtung Galerie unternommen wurde. Die Wiener Präsentation, die von Paula Cooper, Andres Serranos New Yorker Stammgalerie teils erworben, teils in kommission übernommen wurde, schließt zumindest vorübergehend die Serrano-Lücke in fast allen öffentlichen Sammlungen Österreichs.


(Markus Mittringer /DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 13.07.2002)