Die Aufhebung des Schwulenparagrafen 209 hat zu heftigen politischen Diskussionen über die (mangelnde) Reife Jugendlicher geführt. DER S TANDARD fragte Teenager und ExpertInnen, wie es um den Sex steht. "Hi, liebe Moria, bloß kein Stress! Mit dir stimmt alles!" Im Jugendmagazin Bravo werden wie eh und je die wirklich brennenden Fragen beantwortet. "Ich spüre nichts bei der Selbstbefriedigung" ist Morias Problem. Vor 25 Jahren hat "Dr. Sommer" als Respektsperson im weißen Arztkittel beraten, nun besteht das "Dr.-Sommer-Team" aus einem auf jugendlich getrimmten Paar. Weniger Teenagermütter hierzulande Zeitschriften gehören - speziell bei Mädchen - zu den bevorzugten Aufklärungsquellen. Ansonsten steht der Freundeskreis als Auskunftsstelle viel höher im Kurs als die Eltern, wobei wiederum die Väter hinter den Müttern rangieren. Das ergab eine Studie der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung. Zwischen 15 und 16 Jahren machen Jugendliche meist die ersten sexuellen Erfahrungen - das ergeben alle Studien. 74 Prozent verwenden beim ersten Geschlechtsverkehr Verhütungsmittel, davon 46 Prozent die Pille und 65 Prozent Kondome, berichtet Beate Wimmer-Puchinger, Leiterin des Ludwig Boltzmann-Institutes für Frauengesundheitsforschung. Familiarisierung der Sexualität Die Zahl der Teenagermütter nehme hierzulande ab, dennoch liege Österreich nur im europäischen Mittelfeld, sagt die Forscherin. Bei der Sexualpädagogik könne man sich daher keineswegs zurücklehnen. Wobei die Buben mehr Aufmerksamkeit verdienen würden. Mädchen sind reifer, besser aufgeklärt, haben an Selbstbewusstsein gewonnen und reden weit mehr über das Thema - unter anderem mit ihren Müttern. Insgesamt hat eine "Familiarisierung der Sexualität" stattgefunden, wie es die Forschung nennt: Die sexuellen Kontakte der Jugend finden häufig mit Wissen und Billigung der Eltern sowie oft daheim statt. Der Sex ihrer Kinder steht in der Sorgenliste von Eltern Pubertierender offenbar längst nicht mehr an vorderster Stelle: "Wie lange soll man die Kids ausgehen lassen?" und "Wie schützt man sie vor Drogen?" sind schon eher Fragen, die ErziehungsberaterInnen gestellt werden. Love-Talk an den Schulen Und was wollen Jugendliche über Sex wissen? Im Modell "Love Talks" von Brigitte Cizek, der Chefin des Instituts für Familienforschung, gehen ModeratorInnen auf Einladung an Schulen und versuchen, die Kommunikation über das Thema Sexualität zwischen Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen in Gang zu bringen. "Schützt die Pille vor Aids?", "Ist häufige Selbstbefriedigung schädlich?" und "Wie treiben es Schwule?" sind häufig gestellte Fragen der 14-Jährigen. Weniger homosexuelle Kontakte Von ersten homosexuellen Erfahrungen (Petting) haben übrigens vier Prozent der befragten 16-jährigen Jugendlichen in Wimmer-Puchingers Studie berichtet. Vor rund dreißig Jahren - das zeigt eine vergleichbare deutsche Untersuchung - haben noch viel mehr - nämlich 17 Prozent - solche Erfahrungen angegeben. Das könnte unter anderem an der damals höheren Internatsdichte liegen, ist die überraschende Erklärung der AutorInnen dafür, sowie daran, dass Homosexualität noch nicht wirklich ein Thema war. In aktuellen Umfragen stehen männliche Jugendliche der Homosexualität negativer gegenüber als weibliche. "Seriellen Monogamie" In den Sechziger- und Siebzigerjahren sammelten Burschen früher als Mädchen sexuelle Erfahrungen, jetzt ist es umgekehrt. Für alle gilt, dass das Alter, in dem die ersten sexuellen Kontakte stattfinden, in den letzten 20 Jahren nicht mehr gesunken ist. Und während in den Siebzigern Experimentierfreudigkeit im Vordergrund stand, ist es nunmehr die Liebe. "Sexualität findet sehr beziehungsorientiert statt", sagt Heide Tebbich, Mitarbeiterin am Institut für Jugendforschung. Man habe im Sinne der "seriellen Monogamie" zwar mehrere Sexualpartner, aber eben nicht neben-, sondern hintereinander. (Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. 7. 2002)