Erst mit der Vereinigung Österreichs mit dem bösesten Deutschland, das es je gab, begann den vielen, die sich bis dahin als Angehörige des deutschen Volkes gefühlt hatten, zu dämmern, dass es da Unterschiede gab, die sich nicht bloß aus Dialekt und Volksbrauch und auch nicht nur aus der nationalsozialistischen Herrschaft ableiten ließen. Die Ernüchterung begann schon damit, dass der Schilling zum Kurs von 1,50 gegen eine Reichsmark umgetauscht wurde, was den Ankömmlingen aus dem "Altreich" ermöglichte, Dinge günstig zu erstehen, die draußen längst Mangelware waren. Der sofort einsetzende Gestapo-Terror, zunächst in erster Linie gegen Funktionäre des "Systems" und Juden, bald aber auch gegen andere politisch "Unzuverlässige" gerichtet, beunruhigte und machte "Dachau" zu einem geflüsterten, gefürchteten Ort. Viele alte Nazis waren verärgert darüber, dass nicht sie, sondern Leute aus dem Reich an die Kommandostellen gesetzt wurden - bis hinauf zum Eintagsbundeskanzler Arthur Seyß-Inquart, der dem Saarländer Josef Bürckel als Reichskommissar für die Eingliederung der "Ostmark" Platz machen musste. Die Arroganz der landfremden neuen Herren ließ die Deutschen "von draußen" bald zu ungeliebten "Piefkes" werden. Als sich bewahrheitete, was denkende Nazigegner immer gesagt hatten - Hitler, das ist der Krieg -, wurde vielen erst klar, wofür die ersehnte Arbeit, die sie endlich wieder bekommen hatten, die Arbeit, für die Hermann Göring in Linz Stahlwerke aus dem Boden stampfen ließ, in erster Linie da war: direkt oder indirekt eben für den Krieg. Eine chauvinistische Kriegsbegeisterung wie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es - übrigens im ganzen Reich - nirgendwo. Dennoch meldeten sich auch in Österreich viele indoktrinierte junge Menschen - denen in der Schule und der Hitlerjugend, in unzähligen Reden und Liedern eingebläut worden war, dass "Deutschland über alles in der Welt" und "die Fahne mehr als der Tod" seien -, als Kriegsfreiwillige. Der vom Nationalsozialismus in eine pseudoreligiöse Weltanschauung überhöhte Deutschnationalismus machte aus ihnen zugleich Täter und Opfer. Die "Goldfasane" (hochrangige NS-Funktionäre) aber, unter ihnen überproportional viele Österreicher, konnten endlich ungehemmt als rassistische "Herrenmenschen" auftreten: gegen Juden, für deren Vernichtung sich der Wahn des Führers von der "Vorsehung" auserwählt glaubte; gegen die slawischen "Untermenschen", denen bestenfalls das Los von Kolonialsklaven zugedacht war. Längst hatte sich der Anspruch auf Selbstbestimmung, dem die Westmächte in München noch den Schein von Recht abnahmen, mit dem Einmarsch in Prag als Vorwand entlarvt, hinter dem sich das Streben nach imperialistischer Herrschaft über Europa verbarg. Und für Polen, Ukrainer, Russen wurde "deutsch" nur mehr ein anderes Wort für brutalste Unterwerfung, Zerstörung und Massenmord. Oder ein Wort, dessen man sich schämen musste. Im österreichischen Widerstand jedenfalls war es so weit. Die Katholiken, die schon im Herbst 1938 in die erste große Konfrontation mit dem Naziregime geraten waren, wussten jetzt: Das war jedenfalls nicht die "Reichsidee", wie sie sie verstanden hatten. Die Legitimisten - treu zu Otto Habsburg, der in den USA für das Wiedererstehen Österreichs warb - waren von Anfang an gegen Hitler. Die Kommunisten hatten ihre eigene Idee von der österreichischen Nation und sahen sich 1943 durch die Moskauer Deklaration der Alliierten über das Wiedererstehens Österreichs - als erstes Opfer Hitlers - bestätigt. Und als ein Emissär der deutschen Offiziere, die die Verschwörung gegen Hitler vorbereiteten, den Sozialdemokraten Adolf Schärf auf weitere Gemeinsamkeit "danach" ansprach, sagte dieser: "Der Anschluss ist tot. Die Liebe zum Deutschen Reich ist den Österreichern ausgetrieben worden." Nazi-Nostalgie Schärf mag damals, 1944, schon für viele, aber nicht für alle Österreicher gesprochen haben. Und wenn es heute das Deutsche Reich nicht mehr gibt, die Bundesrepublik kein Land österreichischer Sehnsüchte ist - auch als Nostalgie ist Deutschnationalismus unerträglich, denn er wird, wie sich weist, unweigerlich zur Nazi-Nostalgie. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 7. 2002)